Dr. Dr. h.c. Leon Weintraub und Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage

2026

Der Göttinger Friedenspreis 2026 wurde am 7. März an Dr. Dr. h.c. Leon Weintraub und das Projekt Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage verliehen, für das Sanem Kleff, die langjährige Vorsitzende des Trägervereins Aktion Courage, die Ehrung stellvertretend entgegennahm. Die doppelte Verleihung erfolgte in Anerkennung der herausragenden Bildungsarbeit für Toleranz, Verständigung und Menschenwürde sowie gegen Ausgrenzung und Hass.

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Für den Anfang 1926 in Polen geborenen Weintraub, der in Göttingen Medizin studierte, ist die Sorge um die Relativierung und das Vergessen der ungeheuerlichen Verbrechen der Nationalsozialisten seit Jahrzehnten Antrieb für rastlosen Einsatz als Aufklärer und Mahner. Anhand seines eigenen Schicksals als Holocaust-Überlebender bringt er insbesondere Jugendlichen die Gefahren nahe, die von menschenverachtendem Denken und Handeln ausgehen. Er ist darüber hinaus vielfältig aktiver Mahner für Wachsamkeit gegenüber dem Wiedererstarken von Extremismus, Rassismus und Antisemitismus. Seine Botschaft ist Versöhnung ohne Vergessen. Dr. Dr. h.c. Leon Weintraub hat sich in außerordentlichem Maße um gesellschaftlichen Frieden, Menschenwürde und Demokratie verdient gemacht.

Das Projekt Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage motiviert Schüler*innen und Pädagog*innen, sich gemeinsam für Menschenwürde und Toleranz, gegen Diskriminierung, Mobbing und Gewalt einzusetzen – als Schulgemeinschaft und in nationaler Vernetzung mit mehreren Tausend anderen Schulen. Auch in Göttingen und Umgebung haben sich in zahlreichen Courage-Schulen Schüler*innen zu einer Selbstverpflichtung gegen jede Form von Diskriminierung bekannt und konkrete Aktionen umgesetzt. Als Projekt von Aktion Courage e. V. unter Leitung von Sanem Kleff leistet Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage vorbildliche friedenspädagogische Grundlagenarbeit für gesellschaftliches Zusammenleben.

Weitere Informationen zu Leon Weintraub 

Leon Weintraub ist Holocaust-Überlebender. Als jugendlicher Jude (geboren am 1.1.1926 in Lodz) hat er knapp die KZs in Auschwitz, Flossenbürg und Stutthof überlebt. Mit gerade einmal sechs Jahren Schulbesuch und wenig Deutschkenntnissen studiert er aufgrund einer Sonderregelung ab November 1946 Humanmedizin an der Universität Göttingen. Im Anschluss geht er für die weitere Medizinausbildung zurück nach Polen und wird schließlich Oberarzt in einem Krankenhaus. 1969 kommt es zur zweiten Vertreibung. Im Zuge antisemitischer Kampagnen wird ihm gekündigt, was ihn, inzwischen 43 Jahre alt, als Opfer des Faschismus besonders schwer trifft. Leon Weintraub emigriert nach Schweden und baut sich in Stockholm eine neue Existenz als Gynäkologe auf.

Schon in den Jahren seiner beruflichen Aktivität in Schweden beginnt er als Zeitzeuge im öffentlichen Raum, vorrangig in Schulen, über sein Leben zu berichten. In den letzten Jahrzehnten ist dies zum Hauptinhalt seines Lebens geworden. In einer Vielzahl von Veranstaltungen in Schweden, Polen, Deutschland und anderen Ländern hat er gegen das Vergessen und für Versöhnung gesprochen, darunter wiederholt auch in Göttingen. Trotz seines hohen Alters hält er beeindruckende Reden, zum Beispiel im November 2024 im niedersächsischen Landtag in Hannover und im Januar 2025 anlässlich des Jahrestages der Befreiung in Auschwitz. 

Dabei ist ihm das Thema Versöhnung ein besonderes Anliegen, gerade mit Deutschland und den Deutschen. Seine Autobiographie hat den Titel „Versöhnung mit dem Bösen“. Gleichzeitig ist er ein beständiger Warner vor erneutem Hass gegen Andere und den Abbau von Demokratie unter anderem mit öffentlichen Stellungnahmen vor der Europawahl 2023 und nach der Bundestagswahl 2024. 

Leon Weintraub ist mehrfach für sein Engagement für Versöhnung und Menschlichkeit geehrt worden. So erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Paracelsus-Medaille der Bundesärztekammer. Im Herbst 2023 wird er Ehrenbürger der Statt Łódź.

Weitere Informationen zu Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage wurde als Projekt 1995 vom Trägerverein Aktion Courage in Aufnahme ähnlicher Ansätze in Nachbarländern gegründet. 2000 übernahm Sanem Kleff, Vorstandsvorsitzende von Aktion Courage, die Projektleitung und stellte das Projekt inhaltlich und organisatorisch neu auf. Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist mit 5.000 Schulen mit ebenso vielen Patinnen und insgesamt weit über drei Millionen Schüler*innen das größte Schulnetzwerk in Deutschland. In Göttingen und Umgebung gehören aktuell elf Schulen dazu (siehe Liste).

Grundlage für die Teilnahme einer Schule ist eine Abstimmung unter den Schüle*rinnen, mit der sie sich mehrheitlich verpflichten, aktiv gegen Diskriminierung, insbesondere Rassismus, an ihrer Schule vorzugehen. Die Selbstverpflichtung orientiert sich an Artikel 21 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union, in der es heißt: „Diskriminierungen, insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung, sind verboten.“ Die Bundeszentrale des Projektes in Berlin unterstützt die Umsetzung der Selbstverpflichtung und weiterer Aktivitäten, die von Schüler*innen oder Pädagog*innen entfaltet werden.

Das Projekt Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage wurde mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem mit:

  • 2019 Roland Berger Preis – Aktion Courage lehnte den Preis ab
  • 2012 Theodor-Heuss-Medaille der Theodor-Heuss-Stiftung
  • 2012 Alternativer Medienpreis für die Zeitung q.rage von der Nürnberger Medienakademie e. V.
  • 2004 Auszeichnung als Botschafter der Toleranz vom Bündnis für Demokratie und Toleranz der Bundesregierung
  • 2001 Buber-Rosenzweig-Medaille

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Vorherige Preisträger*innen