Der Göttinger Friedenspreis 2016 wurde zu gleichen Teilen an das Festivalprojekt Rockmusik für Demokratie und Toleranz der Eheleute Birgit und Horst Lohmeyer aus Jamel (bei Wismar) und an die Theatergruppe boat people projekt aus Göttingen verliehen.


(Fotograf: Jan Vetter)

Die Eheleute Lohmeyer erhalten den Friedenspreis für ihren unerschrockenen Einsatz und ihre Zivilcourage im Kampf gegen die Neo-Nazis in Mecklenburg-Vorpommern. Das Ehepaar stellt sich seit Jahren mutig den Neonazis entgegen, die das kleine Dorf Jamel gezielt als „nationalsozialistisches Musterdorf“ besiedelt haben. Seit 2007 veranstalten die Lohmeyers das jährliche Open-Air-Rockfestival Jamel rockt den Förster gegen Rechtsextremismus Das Festival bedeute Gegenwehr gegen die Vereinnahmung und solle den Nazis demonstrieren, dass ihnen „demokratischer Gegenwind“ entgegen bläst. Die Lohmeyers, die 2004 aus Hamburg nach Jamel zogen, wurden deshalb immer wieder bedroht. Im August 2015 brannte die Scheune ihres Forsthofes völlig nieder; die Polizei geht von einer rechtsextremistisch motivierten Brandstiftung aus.

Das Göttinger Freie Theater boat people projekt arbeitet mit wechselnden Ensembles zu den Themen Flucht und Migration, Heimat, Identität, Religionszugehörigkeit, Ausgrenzung, Vereinnahmung und Integration. In jeder Produktion untersuchen die Theatermachenden aufs Neue, was sich in unserer Gesellschaft durch die zunehmenden Diskussionen um Interkultur und Inklusion verändert hat. Geschichten und Perspektiven von Menschen, die von Flucht und Ausgrenzung betroffen sind, stehen im Mittelpunkt des Theaters. Die Theaterstücke erzählen konkrete Ereignisse und Geschichten von Flüchtenden. Eindrücklich ist insbesondere, wie Flüchtlinge selbst in die Produktionen und Aufführungen eingebunden werden. Die Stücke werden in verschiedenen Ensembles gemeinsam von Kunstschaffenden verschiedener Nationalitäten aus den Bereichen Schauspiel, Tanz, Musik und Video, sowie mit Überlebenskünstlern – Menschen, die keine Bühnenausbildung haben, die aber aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Geschichte zu Protagonisten werden, erarbeitet.

beginn_800 Nach einer Begrüßung durch Carmen Barann von der Stiftung Dr. Roland Röhl, die auch dem im vergangenen Jahr verstorbenen  Gründungsmitglied Jürgen Schneider und den Preisträgern Egon Bahr (2008) und Andreas Buro (2013) gedachte, sprachen Prof. Dr. Ulf Diederichsen, Vizepräsident für Forschung der Universität Göttingen, und Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler. Der Laudator Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico international e.V., würdigte das friedenspolitische Engagement und den persönlichen Einsatz der Preisträger.

Anschließend verliehen der Jury-Vorsitzende Prof. Dr. Wolfgang Vogel und Carmen Barann die Preise. Mit Ausschnitten vom Festival und vom aktuellen Theaterstück präsentierten sich die Preisträger. Birgit Lohmeyer zeigte sich „exterm erfreut“ über den gemeinsamen Preis mit dem boat people projekt und die Preisverleihung. Der Göttinger Friedenspreis stärke sie, ihren Mann und die vielen Helfer und Helferinnen in ihrer weiteren Arbeit. Nina Chevallerie freute sich über die Wertschätzung ihrer Arbeit. Der Friedenspreis sei „ein wichtiger Impuls für die weitere gemeinsame künstlerische Auseinandersetzung mit Geflüchteten, mit Künstlerinnen und Künstlern ganz verschiedener Nationalitäten“.

Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert. Stifter war der Göttinger Wissenschaftsjournalist Dr. Roland Röhl. Röhl war am 24. Dezember 1997 an Krebs gestorben, er hatte in seinem Testament verfügt, dass sein Nachlass für die Bildung des Stiftungsvermögens verwendet wird. Der promovierte Chemiker befasste sich als Journalist vor allem mit Fragen der Sicherheitspolitik sowie der Konflikt- und Friedensforschung.

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