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 Rede 09

Andreas Zumach

Rede zur Verleihung des Göttinger Friedenspreises        7. März 2009

„Gute Medien - böser Krieg?  Was Journalismus zum Frieden beitragen könnte“

Vor genau 30 Jahren, Ende Februar 1979 habe ich angefangen als Journalist zu arbeiten, zunächst bei der Westberliner Zeitung „Die Neue“, die damals zeitgleich mit der „tageszeitung“ (taz) gegründet wurde. Seitdem beschäftige ich mich überwiegend mit Kriegen und anderen internationalen Konflikten, ihren Ursachen und möglichen Lösungsstrategien. Dabei gilt mein Interesse vorrangig zivilen Instrumenten zur Bearbeitung von Konflikten und ihrer Stärkung – von der Früherkennung und Prävention, über die Diplomatie zur Beendigung gewaltförmiger Eskalation bis hin zur Nachsorge für die oftmals schwer traumatisierten Opfer, die Versöhnungsbemühungen zwischen den vormalig kriegsführenden Parteien und den Wiederaufbau.

Wenn Sie mich fragen, was der Journalismus in diesen 30 Jahren zum Frieden beigetragen hat, fällt mir nicht viel ein. Ich könnte einige wenige Kolleginnen und Kollegen nennen, wie zum Beispiel Anton Andreas Guha, den früheren langjährigen Redakteur der Frankfurter Rundschau. Doch die große Masse derjenigen, die überhaupt noch über diese Themen berichten, orientieren sich vorrangig oder ausschließlich an den für Krieg und den gewaltsamen Austrag von Konflikten verantwortlichen politischen EntscheidungsträgerInnen und den Militärs. Die meisten sind unkritische, oftmals überforderte MitläuferInnen mit mangelnder professioneller Distanz zu den Mächtigen. Die Fragen und Nachfragen, die sie eigentlich stellen müßten, haben sich entweder gar nicht mehr, oder aber sie lassen sie aus Bequemlichkeit und Opportunismus weg. Ein für mich besonders bedrückendes Beispiel hierfür waren die Informationskriegsmonate vor dem am 24. März 1999 begonnenen Luftkrieg der NATO gegen Restjugoslawien. Einige wenige unter den mit internationalen Themen befaßten Journalisten beteiligen sich ganz bewußt am Aufbau von Feindbildern und an Kriegspropaganda. Ich denke zum Beispiel an die Berichterstattung des ZEIT-Redakteurs Josef Joffe vor und während des letzten Irakkrieges oder an seine Leitartikel zum „Islamischen Faschismus“, in denen die 1,3 Milliarden Muslime dieser Welt kurzer Hand mitverantwortlich gemacht wurden für die Gewalttaten einiger tausend islamistischer Terroristen. Im Falle des Irakkrieges hat auch die renommierte „New York Times“ die Propaganda-Lügen der Bush-Administration zunächst ungeprüft verbreitet. Die „New York Times“ hat diese schwerwiegenden journalistischen Fehler ein Jahr nach Kriegsende wenigstens öffentlich eingestanden und sich dafür bei ihren LeserInnen entschuldigt. Die für die irreführende Irakberichterstattung wesentlich verantwortliche „New York Times“-Redakteurin Judith Miller mußte gehen. Entsprechende Selbstkritik und Maßnahmen der ZEIT stehen bis heute aus.

Insofern kann ich die auch in der Friedensbewegung weitverbreitete Unzufriedenheit und Kritik an den Medien durchaus verstehen. Ich glaube allerdings, daß pauschales Geschimpfe über „die Medien“ nicht weiterhilft und beharre daher immer wieder darauf, die politischen Gründe und strukturellen Ursachen für die beschriebene journalistische Misere zu benennen. Denn nur auf dieser Basis ließen sich ja - wenn überhaupt - vielleicht auch die notwendigen Schritte für eine Korrektur zum Besseren entwickeln.

Alles, was ich im folgenden sage über Rahmenbedingungen, Maßstäbe und Kriterien journalistischer Arbeit gilt grundsätzlich für alle Themen, mit denen sich JournalistInnen befassen.

Ich teile auch nicht die Meinung oder das Selbstwertgefühl mancher zumeist männlicher Kollegen, wonach Journalismus, der sich mit internationalen Konflikten befaßt oder gar über Kriege berichtet, wichtiger sei als der Journalismus, dessen Gegenstand innen-oder lokalpolitische Themen sind. Die Sitzungen und Entscheidungen des Göttinger Stadtrates erfordern genauso wachsame journalistische Begleitung und Kontrolle, wie die Handlungen der Bundesminister Steinmeier und Jung oder die Aktivitäten der Bundeswehr in Afghanistan. Der Unterschied ist allerdings, daß es bei internationalen Konfliktthemen nicht selten um den Einsatz von Gewalt geht, um Leben und Tod, um Zerstörung und Vernichtung – also um Entscheidungen und Handlungen, die oftmals endgültige, katastrophale Konsequenzen haben, und - anders als ein noch so falscher Beschluß des Göttinger Stadtrates – nicht mehr korrigiert werden können.

Ich nenne im folgenden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) vier politische und strukturelle Ursachen und Rahmenbedingungen, die vielleicht erklären können, warum der Beitrag des Journalismus zum Frieden so gering ausfällt.

    1) Regierungs- und elitenfixierter Meutenjournalismus bei außen-und sicherheitspolitischen Themen

    Die Unabhängigkeit und professionelle Distanz von JournalistInnen zu den politischen EntscheidungsträgerInnen und den Militärs ist schon in Friedenszeiten sehr gering. Wenn das eigene Land an einem internationalen Konflikt oder gar Krieg beteiligt ist, existieren Unabhängigkeit und professionelle Distanz oft überhaupt nicht mehr. Analysen oder Konfliktlösungskonzepte aus der Zivilgesellschaft haben dann kaum eine Chance, von den Medien beachtet zu werden.

    2) Immer raffiniertere Kriegspropaganda sowie die Einbindung von JournalistInnen und Medien in Kriegsvorbereitung und Kriegsführung.

    Das Pentagon hat für das Vietnam-Kriegsdesaster der USA die „mangelnde Unterstützung“ durch die US-Medien verantwortlich gemacht und aus dieser Erfahrung immer raffiniertere Medien-und Öffentlichkeitsstrategien für künftige Kriege entwickelt. Bis hin zur „Einbettung“ von über 700 JournalistInnen in die Vorbereitung und Führung des letzten Irakkrieges.

    3) Die Diktatur der modernen Online-Kommunikationstechnologien.

    Die JournalistInnen und KorrespondentInnen im Ausland stehen auf Grund der heute verfügbaren schnellen und leicht transportablen Kommunikationstechnologien (Digitalkamera mit Soundsystem plus Satellitentelefon) unter großem Druck ihrer Heimatzentralen, schnell Filme/Bilder/Töne in die Zentralen zu schicken ohne die notwendigen journalistischen Recherchen zu unternehmen.

    4) Privatisierung der elektronischen Medien und Kostendruck

    Die infolge der Privatisierung seit Ende der 70er Jahre über ARD, ZDF und die Dritten Programme hinaus entstandenen zusätzlichen elektronischen Medien haben zu einem verschärften Konkurrenzdruck geführt und zu einer Absenkung der journalistischen Qualität auch in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk-und Fernsehanstalten. Die Berichterstattung über internationale Konflikte ist davon besonders stark betroffen.

Alle diese Rahmenbedingungen, so übermächtig und bedrückend wir sie als JournalistInnen und als MedienkonsumentInnen auch erleben, sind weder ein Naturgesetz, noch gottgewollt oder Schicksal. Sie sind sämtlich von Menschen geschaffen und können daher auch von Menschen wieder korrigiert werden. Das wird allerdings nicht von außen geschehen durch neue Gesetze, politische Rahmenrichtlinien und Ähnliches, sondern nur durch Widerspruch und Widerständigkeit innerhalb der Medien. Nur dann, wenn möglichst viele JournalistInnen nicht nur bei Kongressen des „Netzwerks Recherche“ oder bei anderen medienkritischen Veranstaltungen, sondern in ihrer alltäglichen Arbeit die heute scheinbar selbstverständlichen Abläufe und Prioritätensetzungen in den Medienhäusern wieder in Frage stellen; wenn sie bei der Beschaffung und Verbreitung von Informationen und Kommentaren selber Entschleunigung sowie mehr Recherche und Sorgfalt praktizieren und dies auch von ihren KollegInnen einfordern. Es geht um nicht mehr und um nicht weniger, als die Rückbesinnung auf journalistische Grundtugenden.

Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat die heute vorherrschende Berichterstattung über Kriege und internationale Konflikte wegen ihrer Parteilichkeit und unzureichenden Konfliktanalyse bereits vor über 10 Jahren als „Kriegsjournalismus“ kritisiert und im Kontrast Kriterien und Handlungsalternativen für einem „Friedensjournalismus“ entwickelt. Ich verstehe zwar, was Galtung mit „Friedensjournalismus“ meint, bin aber dennoch skeptisch gegenüber diesem Begriff. Zu oft habe ich erlebt, daß JournalistenkollegInnen ihn mißverstehen – oder bewußt mißverstehen wollen - als Aufforderung, sie sollten Teil der Friedensbewegung werden, für die Friedensbewegung agitieren o.ä.. Dieses Mißverständnis schafft unnötige Blockaden.

Ich bevorzuge daher den Begriff „konfliktsensitive Berichterstattung“, den meine Kollegin Nadine Bilke von der Online-Redaktion des ZDF geprägt hat.

„Konfliktsensitiv“ heißt in erster Linie, als JournalistIn alle an einem Konflikt Beteiligten und von ihm betroffenen Gruppen und Personen wahrzunehmen und nicht nur wie so häufig diejenigen, die auf militärische Mittel setzen und darüber verfügen, oder diejenigen, die über Propagandainstrumente verfügen zur aktiven Einflußnahme auf die Medien.

Das heißt nicht, als JournalistIn „überparteilich“ zu berichten, sondern „allparteilich“. Das setzt allerdings voraus, daß sich JournalistInnen zunächst über ihren eigenen Standpunkt im Klaren sind. Sie sind gefangen in ihrer Kultur, ihre Entscheidungen sind vom Mediensystem vorgeprägt, ihre Informationen werden von EntscheidungsträgerInnen ihrer Gesellschaft gefiltert. Aber selbst, wenn sie frei von derartigen Einflüssen und Prägungen wären und uneingeschränkt berichten könnten, wäre ihre Nachricht stets nur eine mögliche Version der Geschichte. 100-prozentige Objektivität, die viele, insbesondere männliche Journalisten gerne für sich oder ihre Medien reklamieren, gibt es nicht. Es kann immer nur darum gehen, der Wahrheit eines Ereignisses so nahe wie möglich zu kommen. Dabei spielt der subjektive Faktor immer eine Rolle und ist nicht auszuschließen. Sich als JournalistIn diese Bedingungen der Informationsbeschaffung und Berichterstattung immer wieder bewußt zu machen und sie auch gegenüber den LeserInnen, ZuhörerInnen und ZuschauerInnen immer möglichst transparent zu machen, ist ein wesentlicher Maßstab für konfliktsensitiven und damit für verantwortlichen Journalismus.

Ausrichten sollte sich dieser Journalismus an drei Grundorientierungen: Frieden, Menschenrechte und Demokratie. Nach meiner Meinung gelten diese drei Grundorientierungen universell und kulturübergreifend – selbstverständlich immer unter Berücksichtigung historisch und kulturell bedingter unterschiedlicher Interpretationen und Verständnisse dieser drei Begriffe.

Aus diesen drei Grundorientierungen lassen sich für die praktische Arbeit von  JournalistInnen die folgenden professionellen Kriterien ableiten: Wahrhaftigkeit, Richtigkeit, Relevanz und die Form der Vermittlung .

Ich will diese professionellen Kriterien und die drei Grundorientierungen Frieden, Menschenrechte und Demokratie einmal zum Maßstab nehmen für die Bewertung der Berichterstattung und Kommentierung zu dem seit Anfang 2.005 stetig eskalierenden Konflikt mit Iran.

Ich mache das in fünf Kapiteln:

    1) Kontext

    2) Fakten

    3) Interpretation von Begriffen und Äußerungen

    4) Personalisierung und Stereotypen

    5) Lösungsvorschläge

 

    1) Kontext

Wann hat ein Konflikt, über den ich aktuell berichten muß, begonnen? Wo liegen seine Wurzeln? Welchen historischen Kontext muß ich berücksichtigen? Welche Interessen spielen hintergründig für den Konflikt eine Rolle?

Diese Fragen sind von größter Bedeutung. Während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien anfangs der 90er Jahre habe ich darüber sehr häufig und immer ohne gemeinsames Ergebnis mit Konfliktbeteiligten aller Seiten diskutiert – mit SerbInnen, KroatInnen und MuslimInnen bzw. Bosniaken aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien. Reichte als historischer Kontext zur Erklärung dieser gewaltsamen Konflikte die Zeit seit Titos Tod im Jahr 1980? Oder mußte einE JournalistIn – zumal aus Deutschland - zurückgehen bis zum zweiten Weltkrieg und dem Unheil, das die deutsche Wehrmacht ab 1942 auf dem Gebiet und unter den BewohnerInnen des späteren Tito-Jugoslawiens angerichtet hatte? Ich habe mich nach zahlreichen Debatten schließlich für diesen Zeitpunkt entschieden. Auch aus der Überlegung heraus, daß Menschen , die den zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung erlebt hatten, Anfang der 90er Jahre noch lebten und mit der Weitergabe ihrer jeweiligen Version der Ereignisse an ihre Kinder und Enkelkinder wiederum deren Interpretation der Gründe und Vorgeschichte der aktuellen gewaltsamen Konflikte prägten. Aber das war natürlich meine subjektive Entscheidung. Von vielen meiner  damaligen GesprächspartnerInnen wurde diese Entscheidung nicht akzeptiert. Sie meinten, um den aktuellen Konflikte zu verstehen, müßte ich die Geschichte mindestens bis zu den Balkankriegen von 1912/13 aufrollen. Bosniens nationalistischer Serbenführer Radovan Karadzic verlangte von mir sogar die Berücksichtigung all der Vertreibungen und Unrechtshandlungen, denen SerbInnen seit der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 zum Opfer gefallen sind.

Im Fall des Iran wird der für die Einordnung und das Verständnis des aktuellen Konflikts erforderliche historische Kontext von den meisten  Medien ausgeblendet. Es wird der irreführende Eindruck erweckt, als habe der aktuelle Konflikt erst mit der Wahl von Präsident Mahmoud Ahmadinedschad begonnen, und als seien die im Westen vermuteten oder gar fest behaupteten iranischen Bestrebungen um eigene Atomwaffen Ausdruck einer irrationalen, aggressiven Politik. Und als gehe es bei den Spannungen insbesondere der USA mit Teheran tatsächlich in erster Linie um das iranische Atomprogramm. Zur Erklärung der Bedrohungswahrnehmungen, Ängste und Minderwertigkeitskomplexe, die die aktuelle iranische Politik prägen, und die durchaus auch zumindest zu aggressiven Gesten führen bei Ahmadinedschad und anderen iranischen Politikern, müßte ein konfliktsensitiver Journalismus im Idealfall über die Geschichte des 19. sowie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufklären, als Persien immer wieder Objekt ausländischer Einmischung, Interventionen und Besetzung war, in erster Linie durch Großbritannien und Rußland, bzw. ab 1917 die Sowjetunion. Zumindest aber müßte ein konfliktsensitiver Journalismus die Ereignisse der letzten 60 Jahre in Erinnerung rufen, die das Verhältnis Irans zum Westen und insbesondere zu den den USA nachhaltig negativ, ja traumatisch geprägt haben: den Sturz der demokratisch gewählten Regierung Mossadegh mit Hilfe der CIA und des britischen Geheimdienstes im Jahre 1953; die anschließende Installierung der vom Westen gestützten Schahdiktatur; die islamische Revolution 1979 mit der nachfolgenden totalen Wirtschaftsblockade durch die USA; der verheerende Krieg Irak gegen Iran 1980 bis 1988, bei dem Saddam Hussein vom Westen und von der Sowjetunion unterstützt wurde; die verbalen Drohungen der Administration von George Bush, der Iran im Frühjahr 2.002 zur „Achsenmacht des Bösen“ gemeinsam mit Irak und Nordkorea erklärte und in seiner neuen Militärstrategie Iran ausdrücklich als potentielles Ziel amerikanischer Präventivschläge benannte; und schließlich die in den letzten Jahren erfolgte weitgehende militärische Umzingelung Irans durch US-amerikanische Streitkräfte auf See, Land und Luftwaffenbasen.

Wenn diese historischen Erfahrungen Irans nicht  berücksichtigt und die daraus erwachsenen Bedrohungsängste Teherans nicht beruhigt werden – zum Beispiel durch verläßliche Nichtangriffsgarantien der USA – dann wird es auch keine nachhaltige politische Lösung des aktuellen Konflikts um das iranische Atomprogramm geben. Und dann auch keine tragfähige Friedenslösung des Konflikts Israel-Palästina. Diese Einsicht zu fördern, wäre Aufgabe eines konfliktsensitiven Journalismus.

Neben der Ausleuchtung des historischen Kontextes müßte konfliktsensitiver Journalismus auch die Frage stellen und zu beantworten suchen, ob die diversen an dem Konflikt mit Iran beteiligten Akteure tatsächlich die – oder nur die – Ziele verfolgen, die sie öffentlich verkünden, oder welche anderen politischen, wirtschaftlichen oder geostrategischen Interessen möglicherweise eine Rolle spielen. Das haben die allermeisten JournalistInnen und Medien bislang unterlassen. Stattdessen beten sie weitgehend nach, was von den Regierungen in Washington, Berlin, Paris oder London zum Thema Iran behauptet wird. Und damit komme ich zu meinem zweiten Kapitel:

    2) Fakten

In der Diskussion um das iranische Atomprogramm wurden von westlichen PolitikerInnen und in der Folge auch von den Medien in den letzten vier Jahren zahlreiche Fakten verdreht und falsch dargestellt. Unter anderem wurde der Eindruck erweckt, mit der Anreicherung von Uran tue Iran etwas Verbotenes. Das ist selbstverständlich nicht der Fall. Auch wenn man die Uranreicherung und ihren offiziell behaupteten Zweck der Gewinnung atomarer Energie im Iran schärfstens kritisieren sollte als ökonomisch und ökologisch unsinnig – was ich im Gespräch mit iranischen Offiziellen auch immer wieder tue. Doch verboten ist die Urananreicherung nicht. Diese falschen Behauptungen westlicher PolitikerInnen und Medien wirken konfliktverschärfend. Sie sind Material für die Rechtfertigung eines eventuellen Krieges gegen Iran. Und diese falschen Behauptungen haben es Präsident Ahmedinedschad erleichtert, sich als Hardliner zu profilieren und innenpolitischen Dissens im Iran zu unterdrücken. Verantwortung konfliktsensitiver JournalistInnen wäre es, die  Behauptungen westlicher Regierungen nicht einfach ungeprüft zu übernehmen sondern stattdessen durch kritische Nachfragen und eigenständige Recherchen der Wahrheit näher zu kommen.

    3) Interpretation von Begriffen und Äußerungen

Zum Aufbau eines zur späteren Kriegsrechtfertigung nutzbaren Feindbildes trägt auch bei, daß in der westlichen Medienberichterstattung über den Iran Begriffe und Äußerungen iranischer Politiker – ob bewußt oder unbewußt – häufig aus dem Zusammenhang gerissen, selektiv wiedergegeben oder in einen verfälschenden Interpretationszusammenhang gestellt werden. So hat Ahmedinedschad den nach seiner Rede vom 27. Oktober 2.005 weltweit verbreiteten Satz „Wir werden Israel von der Landkarte tilgen“ nachweislich nicht gesagt. Nach beharrlicher über zweijähriger Aufklärungsarbeit einiger unabhängiger Journalisten haben schließlich im April und Mai letzten Jahres die Chefredakteure von SPIEGEL-online und der Deutschen Presseagentur sowie der Intendant des ZDF in Rundschreiben an alle ihre Redakteure festgestellt, daß das Zitat falsch ist und nicht mehr verwendet werden darf. Obwohl diese Schreiben alle öffentlich bekannt wurden, benutzen angefangen von Bundeskanzlerin Angela Merkel viele deutsche PolitikerInnen und auch Medien dieses falsche Zitat nach wie vor.

    4) Personalisierung und Stereotypen

Um ihren LeserInnen, ZuhörerInnen und ZuschauerInnen Konflikte oder komplizierte Sachverhalte anschaulich und verständlich darzustellen, greifen JournalistInnen und Medien häufig zum Mittel der Personalisierung. Dagegen ist grundsätzlich kaum etwas einzuwenden. Sehr problematisch wird diese journalistische Darstellungsform allerdings, wenn die Personalisierung zur Dämonisierung bestimmter Personen gerät. Das ist in weiten Teilen der westlichen Medien inzwischen der Fall mit Blick auf den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. Ähnliches passierte mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein. Nachdem er wegen des Überfalls auf Kuweit im Sommer 1990 bei seinen langjährigen westlichen Freunden und Verbündeten in Washington, London, Bonn und Paris in Ungnade fiel, wurde er mit Adolf Hitler verglichen – nicht nur vom damaligen US-Präsidenten George Bush sondern auch in einem großen SPIEGEL-Essay. Das Problem der dämonisierenden Personalisierung Ahmadinedschads wird noch verschärft durch den Umstand, daß es auch ansonsten aus dem Iran kaum eine breite, differenzierte Berichterstattung gibt, die der großen Bedeutung dieser gewichtigsten Regionalmacht im Zentrum der seit 60 Jahren krisen- und konfliktreichsten Weltregion Naher+Mittlerer Osten/Zentralasien gerecht würde. Die Bilder, die uns die Fernsehanstalten aber auch die Zeitungen zum Thema Iran zeigen, bleiben zumeist reduziert auf die Stereotypen eines bärtigen, finster dreinblickenden Präsidenten, der in einer uns fremden Sprache scheinbar aggressive  Reden schwingt, auf lautstarke Demonstration von Horden schreiender, bärtiger Männer, die ebenfalls sehr aggressiv auf uns wirken, sowie auf tief verschleierte Frauen.

Konfliktsensitive JournalistInnen unterlassen dämonisierende Personalisierungen und tragen mit dazu bei, daß die Medien, für die sie arbeiten, keine dämonisierenden Texte, Überschriften oder Bilder mehr verbreiten. Darüber hinaus setzt sich konfliktsensitiver Journalismus für eine Ausweitung und Differenzierung der Berichterstattung aus und über den Iran ein – zum Beispiel durch Entsendung von mehr Korrespondenten. Das erfordert allerdings, die groteske Überbevölkerung deutscher und anderer westlicher Journalisten z.B. in Washington endlich nachdrücklich in Frage zu stellen und die vorhandenen KorrespondentInnen gerechter über die Welt zu verteilen.

    5) Lösungsvorschläge

Verantwortlicher, konfliktsensitiver Journalismus beschränkt sich nach meinem Verständnis aber nicht darauf, Konflikte mit größtmöglicher Objektivität und Faktentreue darzustellen, den historischen Kontext und die einen Konflikt mitbestimmenden hintergründigen Interessen auszuleuchten, sowie dämonisierende Personalisierungen zu vermeiden. Zu einem verantwortlichen, konfliktsensitiven Journalismus gehört es auch, Vorschläge zur Prävention absehbarer Konflikte mit zivilen Mitteln, zu ihrer Deeskalation und politischen Lösung in den Medien immer wieder darzustellen – auch, oder gerade dann, wenn diese Vorschläge nicht auf der offiziellen politischen Tagesordnung stehen, weil eine oder alle an den Konflikten beteiligte Seiten daran kein Interesse haben. Ein konkretes Beispiel: Im Frühjahr 2.006 hat die International Crisis Group einen ausführlichen, detaillierten Vorschlag zur Deeskalation des heißgelaufenen Konflikts um das iranische Atomprogramm unterbreitet und darüber hinaus zur schrittweisen Lösung aller Streitfragen, die es zwischen Iran und den USA sowie der EU gibt – bis hin zur völligen Normalisierung der Beziehungen. Diesen - bis heute hochaktuellen - Vorschlag der International Crisis Group hat im gesamten deutschen Sprachraum leider nur die Berliner „tageszeitung“ veröffentlicht, im angelsächsischen Sprachraum lediglich der britische „Guardian“. Auch die differenzierten Vorschläge, die etwa Andreas Buro gemacht hat zur Lösung des türkisch-kurdischen Konflikts oder des Konflikts in Afghanistan finden viel zu wenig Aufmerksamkeit bei JournalistInnen. Doch nur wenn die Medien derartige Vorschläge aufgreifen und auch immer wieder darauf zurück kommen, kann der notwendige Druck auf die politischen EntscheidungsträgerInnen entstehen, sich ernsthaft auf derartige Vorschläge einzulassen.

Der Journalismus steht in den kommenden Jahren vor einer sehr großen Herausforderung. Erstmals in der Geschichte der Menschheit werden Rohstoffe, von deren Nutzung fast die ganze Weltbevölkerung in den letzten 175 Jahren abhängig geworden ist, in globalem Maßstab zu Ende gehen. Öl in den nächsten 30 bis 40 Jahren, Gas bis etwa zum Jahr 2.070 und Kohle bis Anfang des nächsten Jahrhunderts. Dramatische Folge der extensiven Nutzung dieser fossilen Energieträger ist der globale Klimawandel. Und der immer schärfere Verteilungskampf um knapper werdenden Ressourcen droht militärisch zu eskalieren. In der Logik dieser Entwicklung liegen eines Tages auch Ressourcenkriege nicht nur wie bislang schon im Nahen und Mittleren Osten sondern zwischen dem Westen und China oder Indien oder selbst zwischen den USA und Europa. Welche Rolle spielen JournalistInnen und Medien in diesem Zusammenhang. Werden sie die Verteilungskämpfe und die Konfrontation schüren? So wie der SPIEGEL im letzten Jahr mit seiner Titelgeschichte „Weltkrieg um Ressourcen“, in der der wachsende Energiebedarf Chinas und Indiens als „Bedrohung aus Fernost“ für unsere gesicherte Energieversorgung dargestellt wurde. Oder werden JournalistInnen und Medien auf eine umfassende Energiewende drängen mit dem Dreiklang: Erhöhung der Energieeffizienz, drastische Senkung des Pro-Kopf-Verbrauchs an Energie sowie Nutzung von Sonne, Wind und Wasser und anderen nachhaltigen und umweltfreundlichen Energieressourcen. Und werden JournalistInnen und ihre Medien dazu beitragen, daß globale Klimagerechtigkeit und Energiegerechtigkeit zur zentralen Handlungsmaxime von Aussen- und Sicherheitspolitik wird?

Was hieße das konkret?

Die internationale Wissenschaft ist sich einig, daß wir, um die Folgen des Klimawandels zumindest einigermaßen unter Kontrolle behalten zu können, den Anstieg der globalen Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts auf maximal zwei Grad Celsius beschränken müssen. Voraussetzung hierfür ist, daß wir den globalen Ausstoß von Kohlendioxyd bis zum Jahr 2.050 um mindestens 80 Prozent senken im Vergleich zum Basisjahr 1990. Dieses Ziel werden wir nur erreichen mit verbindlichen internationalen Vereinbarungen. Zu derartigen Vereinbarungen werden China, Indien, Brasilien und die anderen Schwellenländer des Südens aber nur bereit sein, wenn sich die Industriestaaten des Nordens bei den Verhandlungen für das Jahr 2.050 auf das Ziel einer gleichen pro-Kopf-Obergrenze für alle ErdbewohnerInnen beim Ausstoß von C02 verpflichten. In der EU liegt der CO2-Ausstoß heute bei durchschnittlich 11 Tonnen pro Kopf und Jahr. In den USA bei 20 Tonnen. Die ChinesInnen stoßen 3,1 Tonnen pro Kopf aus. Bis 2.050 muß die Obergrenze für alle ErdenbürgerInnen bei zwei Tonnen liegen,  damit  eine 80prozentige Reduzierung des globalen CO2-Ausstoßes erreicht werden kann. Das ist die große Herausforderung. Und ich hoffe, daß in 40 Jahren hier jemand steht und sagen kann: diese Herausforderung haben wir bewältigt.

 

Begründung der Jury - Laudatio

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