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 Laudatio 08

Göttinger Friedenspreis der Dr. Roland Röhl Stiftung

Laudatio

für Egon Bahr

Hans-Peter Dürr

Göttingen 1. März 2008

Werte Festversammlung, sehr verehrter, lieber Egon Bahr,

 

es war für uns Deutsche und wohl auch für alle Menschen, die nach den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit sehnlich eine friedlichere Zukunft erhofften, eine Sternstunde, was sich vor 45 Jahren, im Juli 1963 auf einer Konferenz der Evangelischen Akademie in Tutzing ereignete. Da war der fünfzigjährige Willy Brandt, Regierender Bürgermeister im westlichen Teil des damals hoch problematischen, viergeteilten Berlins, und sein acht Jahre jüngerer, genialer Berater Egon Bahr, ehemals Chefkommentator der RIAS (der Rundfunkanstalt im amerikanischen Sektor), die erstmal ihre 1961 begonnenen Überlegungen zu einer neuen Ostpolitik einer interessierten Öffentlichkeit vorstellten. In seinem Vortrag kleidete Egon Bahr die neue Konzeption in die Aufforderung: Wandel durch Annäherung!

Wegen längeren Lehrverpflichtungen in Kalifornien und Madras  konnte ich damals leider nicht selbst in Tutzing dabei sein, aber es wurde mir von einigen Teilnehmern der Konferenz bei meiner Rückkehr nach München Ende 1963 begeistert darüber berichtet.

Wandel durch Annäherung, ja, das war vielleicht ein möglicher Weg, die sich anbahnende  politische Polarisierung und Ost-West Konfrontation zu mildern und sie in eine kooperative Richtung zu lenken. Dies verlangte in der Auseinandersetzung zunächst das Gemeinsame heraus zu finden und nicht das Trennende zu betonen. Annäherung versucht Öffnung und erlaubt so in kleinen Schritten wechselseitiges Vertrauen zu gewinnen, was ermöglicht, neue Gemeinsamkeiten zu entdecken, die dann weitere Annäherungen erleichtern.  Ausschlaggebend ist dabei: Wir sollten immer davon ausgehen, dass es irgendwo in allen Beziehungen Gemeinsamkeiten gibt. Eine starres Freund-Feind Denken versperrt uns diese Sicht – und die Vorstellung eines kalten Krieges zementiert diese Haltung.

Ich komme gleich wieder zu dieser Sternstunde in Tutzing zurück, die wir Egon Bahr, hier, unserem diesjährigen Göttinger Preisträger, vor allem verdanken.  Ich möchte zunächst versuchen, etwas die Atmosphäre anzudeuten, die in der zweiten Hälfte der fünfziger und der ersten Hälfte der sechziger Jahre herrschte. Was ich schildern kann, wird notwendig einseitig sein, insbesondere da ich diese Periode zuerst in den USA und erst später ab 1958 in Deutschland erlebt habe, wo für mich Egon Bahr erstmals als Name auftauchte. 

Es war 1955, dass ich Willy Brandt im International House der Universität Kalifornien in Berkeley beim Besuch einer SPD-Delegation (bei der auch noch Carlo Schmid aus meiner Heimatstadt Stuttgart dabei war) zum ersten Mal kennen lernte und mit ihm über Politik in Deutschland plauderte. Es ging damals um die wieder erreichte Souveränität der westlichen Zonen Deutschlands, doch auch über die wachsende Sorge einer damit verbundenen geplanten Remilitarisierung West-Deutschlands im Rahmen der NATO. Ich war einigermaßen entsetzt über diese Nachricht. Ich erzähle dies, weil durch diese Begegnung damals mein Interesse auf Willy Brandt gerichtet wurde.

Es war auch die Zeit, zu der Bertrand Russell und Albert Einstein – angesichts der 1954  „erfolgreichen“ Zündung der Wasserstoffbombe auf dem pazifischen Bikini-Atoll (Edward Teller war einer der Väter dieser Bombe und mein Doktorvater) – ihr berühmtes „Russell-Einstein Manifest“ veröffentlichten, in dem sie die Menschheit eindringlich aufforderten, Kriege fortan absolut zu verbannen, um uns Menschen noch eine Überlebenschance zu sichern. Dieses wurde in der Folge auch einigen Kernphysikern klar, die nicht nur in den USA, sondern auch in der Sowjetunion, in England und Frankreich Atombomben bauten. Es kam zwei Jahre später zur Gründung weltweiter Organisationen, wie insbesondere von Pugwash, eine Organisation von besorgten Atombombenbauern insbesondere aus den USA und der Sowjetunion, und dann hier in Göttingen zum Protest der Göttinger 18 Kernphysiker, die öffentlich und der Regierung (Adenauer und Strauß) gegenüber ihre Mitarbeit an jeglicher Entwicklung von Atomwaffen verweigerten.

Die Physiker waren in der Tat in einer seltsamen Situation: Einerseits und mit Recht im Verruf als die Entwickler dieser entsetzlichen Massenvernichtungswaffen, andererseits und oft gleichzeitig (wenn auch nicht alle) intellektuell hoch motiviert, die Welt im Allerkleinsten besser zu verstehen und die dabei auftretenden schwierigen Probleme zu knacken. Unter diesen Problemen waren auch philosophisch interessante Fragen. Es war die Suche nach Erkenntnis und Mehrung des Orientierungswissens was ihre Gemeinsamkeit ausmachte, doch auch die gemeinsame Sorge über die fahrlässige Nutzung der aus ihrer Forschung hervorgegangenen hochgefährlichen Waffen. Diese Gemeinschaft war auch für mich, wie auch andere meiner Kollegen, seit 1959 die Grundlage für viele persönliche Kontakte mit Wissenschaftlern auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs – und dies sogar während der ganzen Zeit des Kalten Krieges. 

Doch zurück in die nicht-wissenschaftliche, die realistische Welt in Deutschland in den turbulenten sechziger Jahren: Berlin und seine vier Sektoren, vollkommen eingeschlossen in die von den Sowjets beherrschte Zone, mit der neuerlichen Tendenz der drei westlichen Zonen, der amerikanischen, britischen und französischen Zonen, die drei westlichen Berlin-Sektoren enger an sich und damit auch militärisch an sich und die NATO zu binden. Die zweite Berlinkrise führte 1961 von östlicher Seite zum Bau einer Mauer zur strengen Abgrenzung West-Berlins von Ost-Berlin. Es war in dieser schwierigen Zeit, in der auch Willy Brandt eine erneute Kanzlerschaft von Adenauer und eine weitere Militarisierung West-Deutschlands zu verhindern suchte. 

Nur nebenbei: Auch ich war damals sehr besorgt über diese Entwicklung und beschloss bei meiner Habilitation damals an der Universität München 1961 als letzte von 10 Thesen, die ich den Habilitations-Vorschriften gemäß bei diesem Anlass öffentlich verteidigen musste, die gewagte These aufzustellen:  „Die Herstellung einer freiheitlichen Lebensordnung in Ostdeutschland ist wesentlicher als die Wiedervereinigung“. Mir wurde dann letztlich keine Chance gegeben, diese These zu  verteidigen, da in der öffentlichen Versammlung der Dekan gegen das übliche Verfahren vorschlug, die Thesen der Reihe nach durchzugehen und dann am Schluss für die  letzte These keine Zeit mehr war.

1961 war die Zeit, in der Willy Brandt und Egon Bahr begannen, ihre außenpolitischen Gedanken für eine Neue Ostpolitik zu entwickeln. Als Zielsetzung deutscher Außenpolitik forderten sie die Aufgabe der von der westlichen Welt postulierten „Politik der Stärke“. Der Kontakt zu den osteuropäischen Staaten müsse deshalb, so forderten sie, in einem Klima der Entspannung aufgenommen werden. Wandlung durch Annäherung war ja 1963 Egon Bahrs Devise in Tutzing. Ausgesprochen wurde sie weniger als drei Wochen nach der Rede des damals neu gewählten  amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Berlin mit seinem berühmten Abschluss: „Ich bin ein Berliner.“ Kennedy war es sieben Monate zuvor gelungen mit Feingefühl und letztlich einer Vernunft auf beiden Seiten, den in der Cuba-Krise durch Nikita Chruschtschow herauf beschworenen Atomkrieg im letzten Augenblick noch zu verhindern. Hier wurde vorgeführt, dass, aufgrund eines gemeinsamen Interesses in höchster Gefahr, ein aufeinander Zugehen doch noch möglich sein kann.

Egon Bahr formulierte damals in seiner Tutzinger Rede:

„Heute ist klar, dass die Wiedervereinigung nicht ein einmaliger Akt ist, der durch einen historischen Beschluss an einem historischen Tag auf einer historischen Konferenz ins Werk gesetzt wird, sondern ein Prozess mit vielen Schritten und vielen Stationen. Wenn es richtig ist, was Kennedy sagte, dass man auch die Interessen der anderen Seite anerkennen und berücksichtigen müsse, so ist es sicher für die Sowjetunion unmöglich, sich die Zone zum Zweck einer Verstärkung des westlichen Potentials entreißen zu lassen. Die Zone muss mit Zustimmung der Sowjets transformiert werden. Wenn wir soweit wären, hätten wir eine großen Schritt zur Wiedervereinigung getan.“

Wie erfrischend aufrichtig und klar eine solche Stellungsnahme im Vergleich zu den üblichen Ausführungen. Ich denke hierbei auch an die im letzten Monat in München anlässlich der Sicherheitskonferenz gehaltenen Reden und die ihnen zujubelnden Kommentare in einigen unserer großen Zeitungen. Was müssen wir nicht alles über uns ergehen lassen. Andererseits sollten wir jedoch dabei nicht übersehen, dass es auch heute noch klare und eindrucksvolle Gegenstimmen gibt, aber sie werden wie damals als utopisch, unrealistisch und verantwortungslos denunziert.

Die Geschichte lehrt uns, dass utopische Vorstellungen nicht mit Unmöglichkeit gleichgesetzt werden dürfen. So war damals bald erkennbar, dass die Rede Egon Bahrs und die von Willy Brandt und ihm propagierte Neue Ost-Politik ein neues Denken in Bewegung setzte, das auf die Überwindung des Kalten Krieges zielte.

Dies wurde auch äußerlich sichtbar als während der Großen Koalition 1966-1969 unter Bundeskanzler Kiesinger Willy Brandt zum Vizekanzler und Bundesminister des Auswärtigen Amtes ernannt wurde und Egon Bahr Ministerialdirektor sowie Sonderbotschafter und Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt wurde. Doch erst mit der Wahl Willy Brandts 1969 zum Bundeskanzler und Egon Bahrs zu seinem Staatssekretär im Bundeskanzleramt und ihrem ersten Schritt, die Umwandlung des Ministeriums für „Gesamtdeutsche Beziehungen“ in ein Ministerium für „Innerdeutsche Beziehungen“, verschaffte der Bahrschen Devise „Wandel durch Annäherung“ den nötigen Schwung. Dies führte 1970 zu ersten Gesprächen zwischen Bahr und dem sowjetischen Außenminister Andreij Gromyko über einen Gewaltverzicht zwischen der Sowjetunion und der BRD, was letztlich im August 1970 zum Moskauer Vertrag und in der Folge auch im Dezember zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages zur Normalisierung der wechselseitigen Beziehungen führte. Es war vor dem Ehrenmahl des jüdischen Ghettos in Warschau, dass Willy Brandt als „Repräsentant des anderen Deutschland“ mit einem Kniefall Abbitte leistete für die von Deutschen und im Namen Deutschlands verübten Gräuel.

Am Ende des Jahres 1970 beginnt Egon Bahr Gespräche mit dem DDR-Beauftragten Michael Kohl über die Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten, das zur ersten deutsch-deutschen Vereinbarung, dem Transitabkommen zum Verkehr zwischen West-Berlin und der BRD führte und Wegbereiter wurde zum Grundlagenvertrag zwei Jahre später. Es war damals in diesen aufregenden Monaten von 1970, dass ich im Fernsehen in den abendlichen Nachrichten, in denen Egon Bahr souverän, klar,  gescheit und kompakt über die Ost-West Verhandlungen berichtete, erstmals seiner  eindrucksvollen, authentischen Persönlichkeit begegnet bin, noch immer nicht persönlich, doch wenigstens optisch und lebendig.

Ich erzähle dies hier, nicht nur um Altbekanntes wieder in Erinnerung zu rufen, sondern als ein für mich eindrucksvolles Beispiel für die prinzipielle Möglichkeit, wie Visionen, Überzeugung, Engagement und Tatkraft von Einzelnen oder kleinen Gruppen Umfassenderes, konstruktiv Großes in Bewegung setzen können, wenn sie spüren, dass die Zeit für einen Wandel reif ist. Doch hierzu nur eine kleine persönliche Episode.

Meine damals seit 1959 regelmäßigen Studien- und Vortragsreisen in die Sowjetunion zu Forschungsgruppen der Physik waren sehr fruchtbar. Meine russischen Kollegen waren hervorragende Wissenschaftler, die sich bei Problemen nicht nur gut in deren allgemeiner Bedeutung, sondern auch souverän in ihren Details auskannten. Wie gewöhnlich war schon damals Englisch unsere gemeinsame Wissenschaftssprache und unsere Gespräche deshalb oft etwas mühsam, da ich kein Russisch konnte. Als ich Anfang 1973 zu einer größeren Konferenz nach Alushta auf der Krim eingeladen war, erlebte ich zu meinem großen Erstaunen, dass meine Kollegen auf einmal Deutsch mit mir sprachen und dies bei vielen, insbesondere den Älteren, weit  besser als es ihr Englisch war. Als ich nach dem Grund fragte, warum wir dies nicht schon 14 Jahre früher versucht hatten, bekam ich die schlichte Antwort: „Nach den Kontakten 1970 und dem Kniefall Willy Brandts können wir wieder Deutsch sprechen.“ Diese versöhnende Geste hat mich damals tief berührt – im Anbetracht der schrecklichen Zerstörung und des unendlichen Leids, das wir Deutschen diesen Menschen und ihrem Land zugefügt hatten. Und ich dachte in jenem Augenblick dabei nicht nur an Willy Brandt, sondern auch an Egon Bahr, denen wir diesen bedeutungsvollen Wandel zu verdanken hatten.

Die weitere Entwicklung hat mich in dieser Auffassung noch weiter bestärkt. Wer hätte damals je geahnt, dass die ungebremste Eskalation der Ost-West Konfrontation mit ihren beidseitigen nuklearen Overkill-Kapazitäten fünfzehn Jahre später sich nicht in einer, aus historischer Sicht, eigentlich zu erwarteten Superkatastrophe entlud, sondern ohne Blutvergießen gewaltlos zu Ende gehen würde?  Und dies Dank eines sowjetischen Generalsekretärs Mikhail Gorbatschow, der hinter der allgemeinen feindseligen Konfrontation auf der Gegenseite auch eine ausgestreckte Hand wahrnehmen konnte und daraus selbst den Mut für einen „Wandel durch Annäherung“ schöpfte.

Doch ich will die 15 Jahre nach 1970 nicht einfach überspringen, die letztlich die Früchte der von Willy Brandt und Egon Bahr angestrebten Entwicklung hervor gebracht haben. Der Rücktritt 1974 von Willy Brandt im Zusammenhang mit der Agentenaffäre um den DDR-Spion Günter Guillaume und die Ernennung von Helmut Schmidt zum Bundeskanzler führte zum Wechsel von Egon Bahr vom Außenministerium und Bundeskanzleramt  als Bundesminister ins Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, wo er in der Entwicklungspolitik einen wesentlichen Faktor für eine weltweite Friedenspolitik erkannte.

In den mitte-siebziger Jahren begann in der BRD eine Politisierung der Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Bau großer Kernkraftwerke. Dies führte Ende 1975 zu einer Bundestagsdebatte, in die sich auch Physiker, Helmut Schmidt in seiner pro-Kernkraft-Haltung unterstützend, einschalteten. Ich gehörte nicht zu den Befürwortern, was mich damals in die Gesellschaftspolitik drängte. Die öffentliche Auseinandersetzung veranlasste den Bundestag eine Enquete-Kommission für Zukünftige Energiepolitik zu etablieren.

Mit dem NATO-Doppelbeschluss 1979, der eine weitere Hochrüstung durch Mittelstreckenraketen in Betracht zog, entwickelte sich die  Bürgerbewegung  zu einer starken Friedensbewegung, welche diese Hochrüstung strikt ablehnte. Egon Bahr formulierte Vorbehalte gegen den NATO-Doppelbeschluss und distanzierte sich dadurch von der damaligen Politik von Bundeskanzler Helmut Schmidt. Bei einem Besuch in Moskau 1981 äußert er Zweifel am Willen der USA zu Verhandlungen über eine Begrenzung der eurostrategischen Waffen. Er fordert eine stärkere Mitbestimmung der Bundesrepublik bei den Entscheidungen über die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen und eine Beschränkung aller Atomwaffen auf das Territorium ihrer Besitzerstaaten. Durch eine neue Koalition 1982 der F.D.P. mit der CDU/CSU und durch Helmut Kohl, der Helmut Schmidt als Bundeskanzler ablöste, wurden damals aber alle diese Einwände und das öffentliche Begehren letztlich ignoriert.

1982 wird Egon Bahr Mitglied der internationalen Abrüstungskommission unter dem schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme, die  die Schaffung einer von taktischen atomaren Gefechtsfeldwaffen freien Zone in Europa befürwortete. 

In der Nachfolge von Wolf Graf Baudissin wurde Egon Bahr 1984 Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Instituts hatte ich nun erstmal auch Gelegenheit mit Egon Bahr direkt in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Im Mittelpunkt der Institutsprojekte der 70er und beginnenden 80er Jahre standen Probleme der militärischen Kräfteverhältnisse und der kooperativen Rüstungssteuerung, Themen wie Rüstungsdynamik, Kriegsgefahr und Rüstungskonversion, die Suche nach sicherheitspolitischen Alternativen, aber auch konzeptionelle Fragen einer Neuen Europäischen Friedensordnung und eines Systems Kollektiver Sicherheit in und für Europa.  Die kritische Bestandsaufnahme der praktizierten Sicherheitspolitik und die Analyse ihrer Alternativen führten Egon Bahr zum Konzept der „Gemeinsamen Sicherheit“. Dazu Egon Bahr selbst: „Militärs denken ja, man ist sicher, wenn man stark ist. Nein, man ist sicher, wenn die anderen keine Angst vor einem haben.“  Meine eigenen Bemühungen im Rahmen von Pugwash über „nicht-provokative Verteidigung“ oder wie wir es damals nannten: „Strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“ zielten genau in diese Richtung (Die ursprüngliche Bezeichnung „Strukturelle Angriffsunfähigkeit“ erwies sich in Dialogen mit dem Militär als untauglich).

Doch die eigentliche Krönung seines langjährigen Bemühens um eine friedliche Lösung des Ost-West Konflikt stand Egon Bahr noch bevor. Mit der Ablösung 1982 von Leonid Breschnew als  Generalsekretär durch Juri Andropow deutete sich für Eingeweihte schon damals eine wesentliche Veränderung in der Sowjetunion an, die nach Andropow’s nur etwa einjährigen Amtszeit und dem folgenden einjährigen Interregnum von Konstantin Tschernenko, dem vergleichsweise jungen Mikhail Gorbatschow (damals 55-jährig) im März 1985 den Aufstieg zum Generalsekretär ermöglichte. Hier wurde für die Nahestehenden klar, dass der Wandel zu einer Wende wurde.

Die früheren, eher müheseligen Kontakte und Verhandlungen über Abrüstung und Sicherheit, wie ich sie durch wissenschaftliche Kontakte in persönlichen Begegnungen und in Arbeitsgruppen der jährlichen Pugwash Konferenzen erfahren hatte, wurden 1983 mit Andropow als Generalsekretär offener, konstruktiver und damit hoffnungsvoller. Neue Kontakte wurden möglich durch die Friedensinitiative der Naturwissenschaftler des Mainzer Appells, die Arbeitsgruppe: Strukturelle Nichtangriffsfähigkeit und die zahlreichen Initiativen zur Beendigung aller (d.h. auch der unterirdischen) Atombombentests. Die Saat von Willy Brandt und Egon Bahr schien aufzugehen.

Und es schien nicht nur so. Mit der Amtsübernahme von Michail Gorbatschow im März 1985 wurden diese Hoffnungen Schritt um Schritt Realität: Einseitiger Stopp der unterirdischen Atomtests mit Aufforderung an den Westen das gleiche zu tun, Neujahrsbotschaft Gorbatschows 1986 alle Atomwaffen bis zum Ende des Jahrhunderts abzuschaffen, die Aufforderung an alle, entsprechend dem Russell-Einstein Manifests 1955, ihre Kräfte den Problemen des Überlebens der Menschheit  und einer gerechten Entwicklung der Menschheit zu widmen.

Der für den russischen Neujahrtag geplante und dann einen Monat auf den 14. Februar 1987 verschobene große Internationale Friedenskongress in Moskau, zu dem Gorbatschow über 1000 Gäste geladen hatte –Wissenschaftler, Ärzte, Schriftsteller doch auch Politiker und Militärs aus der ganzen Welt, die an diesem Friedensprozess aktiv beteiligt waren, auch Andrej Sacharow, zurück aus seinem Asyl in Gorki, war dabei – wurde fürwahr ein Freudenfest und kennzeichnete für alle Beteiligte deutlich das Ende des kalten Krieges.

Ich erinnere mich noch gut darab, Egon, wie wir uns am nächsten Tag zusammen mit anderen der deutschen Delegation in der Deutschen Botschaft getroffen haben. Dein Gesicht strahlte voller Glück und Freude. Das Unwahrscheinliche war passiert. Ich wusste, Egon, dass es wesentlich Dein Verdienst war und andere wussten es auch.

Für die meisten in Deutschland war erst der Fall der Mauer November 1989, fast drei Jahre später das Ende des Kalten Krieges. Und es kam für die meisten überraschend.  Diejenigen, die auf „Wandel durch Annäherung“ setzten wurden noch kurz davor als Traumtänzer belächelt, scharf kritisiert, ja, diffamiert und sogar als KGB-Spione (wie z.B. ich) verdächtigt. Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an die IPPNW 1985 waren die „Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg“ sogar von manchen aufgefordert worden, den Preis nicht anzunehmen, da sie ihn mit den Ärzten aus dem Osten teilen sollten. Ja, so läuft das manchmal oder sogar öfters so und es ist letztlich bedrückend. Doch der äußere Schaden hält sich gewöhnlich in Grenzen.

Ganz unerträglich fand ich jedoch als auf der großen öffentlichen 10-Jahresfeier des Mauerfalls in Berlin der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sich mit Mikhail Gorbatschow am Brandenburger Tor in Berlin als Held der Wiedervereinigung feiern ließ und niemand daran dachte, hierbei zunächst Egon Bahr den Vortritt zu lassen. Nein, Egon, Du wurdest an diesem Tage allein gelassen, Du warst wohl nicht einmal gesondert dazu eingeladen worden.

Am 14. Februar letzten Jahres war ich zum 20. Jahrestag des großen Friedenskongresses in Moskau eingeladen, formal angekündigt als eine “Internationale Konferenz über Globale Sicherheit und nachhaltige Entwicklung – Ökologie, Ökonomie, Energie“. Auch Mikhail Gorbatschow war dabei. Zu meinem Erstaunen wurde kein Wort über das 20 Jahre zurückliegende historisch schicksalhafte Geschehen verloren. Gorbatschow saß am Rande, allein gelassen – er reiste vorzeitig ab. Ich war der einzige, der am letzten Tag der Konferenz, bei den vielen Tischreden nach dem abschließenden üppigen Festmahl, an das damalige Ende des kalten Krieges und die wesentliche Rolle von Gorbatschow erinnerte – ein begnadetes Ende, das leicht ein alles zerstörender Atomkrieg hätte sein können.

Ich wollte, Egon, Du wärest bei dieser Konferenz 2007 dabei gewesen und, ich bin sicher, Ihr – ich meine: Gorbatschow und Du – ihr hättet, im Stillen lächelnd und mitfühlend, Euch beide die Hand gereicht.

Danke Egon!  ….  Danke!

Begründung der Jury Rede der Preisträger

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