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GÖTTINGER FRIEDENSPREIS 2008

der Stiftung Dr. Roland Röhl

In Würdigung seines herausragenden, mit großem Einsatz für nachhaltigen Frieden konsequent verfolgten politischen Lebenswerkes wird Professor Egon Bahr mit dem Friedenspreis des Jahres 2008 ausgezeichnet.

Der Preisträger hat unter den ideologischen und machtpolitischen Bedingungen des Ost-West

Konfliktes weitsichtige Konzeptionen und Strategien zu dessen Überwindung entwickelt und in Ost und West durchsetzungsfähig gemacht. Als Chef des Planungsstabes im Auswärtigen Amt (von 1966 bis 1969) und als Staatssekretär im Bundeskanzleramt seit Beginn der sozialliberalen Koalition war er der engste und einflussreichste Berater Willy Brandts in Fragen der Ost-West-Politik. Egon Bahr war es, der die Neue Ostpolitik des Außenministers und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt strategisch konzipierte, operativ durchdachte und gegen massive Widerstände konsequent umsetzte. Sein unermüdliches friedenspolitisches Engagement hat maßgeblich zur Ost-West-Entspannung und zur friedlichen Beendigung des Kalten Krieges beigetragen.

Durch die Politik des "Wandels durch Annäherung"- insbesondere in den Beziehungen zur Sowjetunion und zu Polen – konnte die erstarrte Ost-West-Konfrontation allmählich in eine Kooperation umgewandelt werden. Zentrales Anliegen der von Egon Bahr vorangetriebenen Politik war die Überwindung von Vorurteilen und Feindbildern zwischen den Konfliktparteien. In den 1980er Jahren, als in der Auseinandersetzung um die Raketen-Rüstung die alten Muster der Ost-West-Konfrontation auf militärstrategischer Ebene wieder aufgegriffen wurden, gelang es ihm, eine vermittelnde deutsche Position zu schaffen. Die Konzepte einer "Gemeinsamen Sicherheit" und der "Strukturellen Nichtangriffsfähigkeit" haben das gegenseitige Misstrauen vieler Länder in Ost und West abgebaut, Abrüstungsprozesse und –verträge möglich gemacht und damit eine solide Basis für den Ausbau der Europäischen Gemeinschaft geschaffen.

Zu seinem Lebenswerk gehört auch, dass Egon Bahr früh begonnen hat, sich mit den drängenden Fragen der Entwicklung in der so genannten Dritten Welt zu befassen und - zeitweise als zuständiger Minister unter Bundeskanzler Schmidt - nach neuen Lösungen für die vielen anstehenden Probleme im Nord-Süd-Konflikt zu suchen. Angesichts der am Ende des Ost-West-Konflikts schnell weltweit sichtbar werdenden ökonomischen, ökologischen und sicherheitspolitischen Probleme schlug er 1991 u. a. die Schaffung eines Deutschen Friedenskorps vor. Als Professor und Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg hat Egon Bahr von 1984 bis 1994 seine politischen Erfahrungen wirkungsvoll in die Friedens- und Konfliktforschung eingebracht.

Mit seinem strategischen Blick für die historischen Fixpunkte und Fluchtlinien in Zeiten der Globalisierung, seiner analytischen Brillanz bei der Durchdringung komplexer politischer Bedingungen und Entwicklungen und seiner außerordentlichen Fähigkeit, seine Erkenntnisse und Vorstellungen mit höchster Präzision auf den Punkt zu formulieren, hat er die politische Diskussion in Deutschland immer wieder mit überzeugenden Argumenten und Entwürfen, Kritiken und Reflexionen entscheidend bereichert und vorangebracht.

Egon Bahr hat durch seine herausragenden Leistungen schon zu Lebzeiten historische Bedeutung erlangt. Als Architekt für Frieden und Sicherheit, Entspannung und Entwicklung, Kooperation statt Konfrontation ist Egon Bahr eine europa- und weltweit hoch geachtete Persönlichkeit, auf die Deutschland mit Verehrung blicken kann. Seine nachhaltigen friedenspolitischen Verdienste werden zu Recht mit dem heute zum zehnten Mal vergebenen Göttinger Friedenspreis gewürdigt.

 Laudatio - Rede der Preisträger

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