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 Rede06

Göttinger Friedenspreis 2006

(Rede von Tassew Shimeles)

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sehr geehrte Frau Barann,

Liebe Freunde,

I.

Zuerst möchte ich dem verstorbenen Initiator dieser Stiftung, Herrn Dr. Roland Röhl, meinen Respekt erweisen; Es sind Menschen wie er, die mit ihren Visionen ein Stück Friedensbotschaft an andere Menschen weitergeben. Diese Friedensbotschaft werden wir weiter tragen. Der Göttinger Friedenspreis wird uns dabei ermutigen.

Und -  ich möchte Ihnen sagen- diesen Preis haben wir, der Verein Internationale Gärten Göttingen,  wirklich verdient.

Liebe Christa, Danke auch an dich und die wunderbaren Menschen der Anstiftung in München, die  unsere Idee der Internationalen Gärten aufgegriffen und unterstützt haben.  Danken möchte ich auch allen anderen Kooperationspartnern, Förderern und vielen einzelnen Menschen die mit uns die Internationalen Gärten ermöglichten.

Siehe da:  Wir haben gemeinsam ein Projekt aufgebaut die inzwischen so viele  Menschen in so  vielen Städten begeistert.

II.

Meine Damen und Herren, um mich kurz  vorzustellen: ich bin Äthiopier – Deutscher- und Weltbürger. 1980 kam ich als Flüchtling nach Deutschland, konnte hier studieren, habe eine Familie gegründet.

Ich habe das Privileg der Bildung erhalten.  Und ich habe in diesem Land viel Solidarität erfahren, dadurch konnte ich einiges erreichen.

Es ist für mich persönlich ganz wichtig, die Solidarität, die ich erfahren habe, auch an andere weiterzugeben; das tue ich, indem ich mich  für ein  gleichberechtigtes  Miteinander  engagiere.

Aber es gibt noch einen anderen Grund für mein Engagement: Meine beiden Söhne.

Ich wünsche mir, dass meine Söhne in einer Atmosphäre der Achtung und Solidarität groß werden.

Damals vor 10 Jahren bei der Eröffnung des ersten Internationalen Gartens in Geismar sagte mein jüngerer Sohn zu mir …   “Papa, der Garten wird dir Glück bringen“… er war damals 8 Jahre alt.

Was für eine Prophezeiung !!!!   Die Internationalen Gärten haben nicht nur mir, sondern vielen anderen Menschen Glück gebracht !

III

Zuwanderung bringt Vielfalt. Eine Vielfalt, die auch  Gegensätze in sich birgt wie der Gegensatz von

  • der  säkularen und  der  sakralen  Welt
  • der individualisierten und der familienorientierten  Lebensform
  • dem pluralistischen Denken und dem  monokausalen Denken
  • der modernen konsumorientierten und der auf lokale Kreisläufe gerichteten Haushalte
  • der demokratischen Wissensgesellschaft  und der autoritären politischen Regime
  • Einige dieser Gegensätze finden ihre Reflexion auch in den Internationalen Gärten und ihren Projekten.

Oder sind dies  keine Gegensätze, sondern werden sie nur  von bestimmten Interessen-Gruppen missbraucht, um  Menschen zu trennen ?  Wie wir das momentan gerade erleben ?

Deutschland hat seit 1945  Millionen von  Menschen aufgenommen und zum Teil gut integriert. Darauf kann Deutschland stolz sein. Die Gesellschaft muss jedoch allen Zuwanderern gleichberechtigte Zugänge bieten - unabhängig von ihrer Herkunft. Diese müssen  unter anderem durch   Antidiskrimienierungsgesetze  garantiert werden.

Für unsere Praxis in den Internationalen Gärten sind unterschiedliche  Religion, Bildungstand, ethnische Zugehörigkeit oder Vorurteile keine unversöhnlichen Gegensätze. Im Gegenteil, ständig  thematisieren wir diese  scheinbar gegensätzlichen Welten  - sei es beim Gärtnern, bei Gruppensitzungen oder Fortbildungen  -   um neues  Lernen und neue Erfahrungen entstehen zu lassen.

Zentrale Arbeitsweisen dabei sind:

  • Jedem Achtung und Respekt entgegenbringen
  • Berührungsforen für eine   friedliche Auseinandersetzung zu bieten
  • Die Eigeninitiative zu stärken, um etwas für sich und die Kinder tun zu können.
  • Die Fähigkeiten und Fertigkeiten jedes einzelnen anerkennen
  • Das Wohnumfeld  in unser Handeln integrieren
  • Der Isolation und dem Rückzug entgegenwirken
  • Durch Bildung und  Fortbildung  die  Chancen auf Arbeit  erhöhen 

Die Internationalen Gärten  sind wie ein Drehpunkt der Integration - voll von Themen der Kindererziehung, der Schule, der Sprache, der Arbeit, der Geschlechterhierarchie, der Gesundheit, der politischen Emanzipation, der Schneckenplage, des Unkrautwucherns  -   und der mangelnden Sonne.

Berge von Integrationsappellen werden nicht nutzen, Menschen dazu zu bewegen, ihre vertrauten Lebensweisen aufzugeben. Viele  Traditionen können nicht  schnell aufgegeben werden, weil Menschen darin Solidarität und Sicherheit finden.

Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, Menschen zu ermöglichen neue soziale Netze aufzubauen, worin Sie materielle Sicherheit und kulturelle Entfaltung finden können.

Achtung und  Vertrauen, so klein wie ein Senfkorn, kann  Berge versetzen.

Menschen zusammenzubringen, ihre materiellen und kulturellen Unterschiede aufzugreifen und eine Synthese von Tradition und Moderne zu suchen, genau das versuchen wir  mit unseren Gemeinschaftsstiftenden Praxis- und Bildungsprojekten.

Wie sie sich vorstellen können, müssen die sich dabei entfaltende Dynamik und Prozesse  sowohl nach innen als auch nach aussen moderiert und kommuniziert werden. Die  Impulse, die wir aus der Vielfalt gewinnen,  versuchen wir in die Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft einfließen zu lassen, um soziale  Zugänge und Teilhabe zu ermöglichen.

Das gelingt aber nur, wenn die  politischen - sozialen -  und Bildungsstrukturen vor Ort offen sind und sich auch Vielfalt wünschen.

IV

Ich denke der Erfolg unserer bisherigen Integrationsarbeit kann sich sehen lassen.

Einige Informationen für Sie:

  • 5  Rohgrundstücke haben wir in den 10 Jahren  in blühende Internationale Gärten verwandelt, die für  die Nachbarschaft, Kindergärten, Schulen und  Stadtteilinitiativen offen stehen. Die Grundstücke haben wir von Kirchengemeinden, der Stadt Göttingen und von Privat-Leuten bekommen.
  • Unser Verein hat heute 79 Mitglieder mit ihren Familien sind das etwa 300 Menschen aus 21 Nationen, 20 Prozent unserer Mitglieder sind Einheimische.

Eingebunden in die gärtnerischen Aktivitäten  haben wir 16 Kleinprojekte und Bildungsprojekte entwickelt, davon nenne ich einige:

  • 35 Frauen haben in unseren  Alphabetisierungskursen schreiben gelernt
  • Jährlich empfangen wir  Schulklassen aus Stadt und Landkreis Göttingen
  • Für  80 Jugendliche aus 16 Ländern haben wir von 1998 bis 2003 vier Internationale Jugendworkcamps veranstaltet
  • Jedes Jahr leisten straffällig gewordene Jugendliche  bei uns gemeinnützige Arbeit. Viele von Ihnen sind straffällig geworden weil Ihnen nicht genügend Achtung entgegengebracht oder sie sind Opfer von Diskriminierungen jeglicher Art.
  • Jugendgruppen der Göttinger Partnerstädte besuchten unsere Gärten
  • Mehrmals im Jahr organisieren wir für Mitglieder und Interessierte  Betriebsbesichtigung zu Biobetrieben, Umweltzentren, Handwerksbetrieben, oder Landesgartenschau
  • Ein einjährige Umweltbildungsprojekt „ Lebendiger Boden-Lebendige Vielfalt“  wurde von 20 Menschen selbstkonzipiert gestaltet
  • Seit einigen Jahren beraten wir  Studenten bei ihren Diplomarbeiten. Vielleicht entsteht ein  Internationaler Garten in Japan,in Äthiopien und Irak.

Seit 1999 verbreiten wir unsere Integrationsidee

  • Bundesweit haben wir,  teilweise zusammen mit der Stiftung Interkultur, 45 Vorträge bei Initiativen, Kommunen, Kirchengemeinden oder Universitäten gehalten. 30 Interkulturelle Gärten sind inzwischen entstanden; weitere 50 sind im Aufbau
  • Multiplikatoren aus dem gesamten Bundesgebiet besuchen unser Projekt, darunter vermehrt  Delegationen  des  Bundesprogramms   “Soziale Stadt“
  • Auch Delegationen aus dem Ausland waren zu Gast: wie Studenten der Universität St. Clara / Cuba, der Kleinbauernverband der Partnergemeinde des Kirchenkreises Göttingen aus Brasilien, Pastoren aus Tanzania und Indien

Wir haben

  • 20 befristete Arbeitsplätze über die Jahre schaffen können.
  • In den letzten 10 Jahren haben wir 12 Preise  gewonnen, darunter den Integrationspreis des damaligen Bundespräsidenten, Johannes Rau, einen niedersächsischen Umweltpreis, einen Preis für bürgerschaftliches Engagement und Agenda – 21 Preise.

All dies wurde begleitet von  einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit in Presse, Rundfunk und Fernsehen.

So viel kreativer Einsatz.... So viel Mobilisierung und Ermutigung ….So viel Konfliktschlichtung… so viele schlaflose Nächte……..

All diese Aktivitäten ermöglichten uns soziale  Berührungen und neues Lernen, die Voraussetzung für  Integration sind.

Meine Damen und Herren,  haben wir uns etwa nicht genügend um Integration bemüht ?

Und dennoch: Unsere Integrationsarbeit ist finanziell nicht abgesichert.

Manche meinen wir würden nur gärtnern und dafür bräuchten wir keine Stellen.

Sicher, gärtnern kann jeder alleine, aber die Integrationsarbeit, die wir erbringen, ist harte Arbeit. Sie bedarf vieler  kreativer Ideen, Vertrauen, Verhandlungsgeschick, Durchhaltevermögen und eines unbürokratischen Geistes.

Sie bedarf der unermüdlichen Motivation  und des ständigen Ausgleichs.

Diese Arbeit  braucht wie jede andere soziale Arbeit sichere Strukturen.

VI

Unsere heutige gesellschaftliche Realität ist folgende: etwa  30%  der Schüler in Deutschland haben bereits einen Migrationshintergrund; die Prognose  in  20 Jahren  ist: etwa die Hälfte der Bevölkerung werden Zugewanderte sein oder einen Migrationshintergrund haben.

Die zentrale Frage ist nun:  Wie können wir die gemeinsame Zukunft gestalten?

Bildung ist der Schlüssel zur Integration, Bildung verbessert Teilhabe. Partizipation garantiert sozialen Frieden.

Unser Bildungsansatz berücksichtigt auch Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ( Alter, Bildung, Gesundheit, Familie ) keine Chancen mehr auf einen Arbeitsplatz haben. Diese Gruppe  wird in Zukunft anwachsen. Sozialer Frieden durch Bildung und Teilhabe  gewinnen daher immer größere Bedeutung. Die Qualität des Zusammenlebens im Stadtteil wird davon immer mehr beeinflusst. Der Mensch muss sich selbst – mindestens ein bischen – in den Strukturen seines Umfeldes reflektieren können.

Die Göttinger Gärten leisten ihren Beitrag zur Entlastung des Wohnumfeldes.

Mit  gärtnerischen Aktivitäten mobilisieren wir  verschüttete Energien und  öffnen Menschen für eine Wissensaufnahme, die an den eigenen Erfahrungen ansetzt.

Ein Bildungsansatz, wo jeder Einzelne Lernender und Lehrender sein kann.

Im Dezember 2005 hat der Verein für seine Umweltbildung den 1. Preis der niedersächsischen Umweltstiftung erhalten. Der niedersächsische Umweltminister

Sander würdigte unseren Bildungsansatz als „…..einen hervorragenden Weg, Menschen verschiedener Herkunft  über den ökologischen, sozialen und religiösen Austausch eigener kultureller  Erfahrungen und Wissen …… zu aktiven Beiträgen …… anzuregen und ihnen die neue Heimat näher zu bringen….“.

Wir möchten diese positiven Erfahrungen fortführen und planen, eine mobile, praxisorientierte Akademie aufzubauen. Die Akademie heißt die    “Die Grüne Sprache der Völker“  und soll als  Schwerpunkt  die   „Ökologische Bildung von Migranten im Kontext sozialer  Friedensarbeit“ haben.  Eines Tages soll diese  Akademie  mit Projekten auch in unsere Herkunftslämder ausstrahlen.  Privilegien, die wir hier in Deutschland haben, möchten wir mit anderen teilen.

Wir brauchen  Strukturen in den Kommunen, die interkulturelle  Bildungsmodelle fördern, damit Lösungen  für eine gemeinsame Zukunft entwickelt werden können.

Wurzel nschlagen bedeutet neue soziale Netze aufbauen, und das bedeutet mehr  Foren, mehr Zugänge, die uns helfen die gegenseitige Fremdheit zu überwinden und gleichberechtigt zu leben und zu arbeiten. 

Integrationsarbeit ist Friedensarbeit  - den Frieden  bekommen wir nicht  geschenkt,  wir können ihn nur  gemeinsam erarbeiten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Rede Frau Dr. Ch. Müller, Geschäftsführerin der Stiftung Interkultur

Bald kommt der Frühling: Dann werden in fast 30 Städten Menschen mit Migrationshintergrund gemeinsam mit Deutschen in Interkulturellen Gärten pflanzen, ernten, lernen und feiern. An bundesweit weiteren 50 Standorten sind Gartenprojekte im Aufbau. Die Frankfurter Rundschau sprach im Oktober 2005 schon von einer  neuen Graswurzelbewegung". Stadtverwaltungen, Beratungszentren für Flüchtlinge, Kirchengemeinden und autonome Großstadtselbstversorger sind gleichermaßen inspiriert von einer Idee, die 1995 in Göttingen geboren wurde. Hier ganz in der Nähe, im Migrationszentrum, saßen während des Bosnienkrieges Flüchtlingsfrauen, tranken Tee, bastelten Tischschmuck und warteten auf das Ende des Krieges. Die Sozialarbeiterin stellte eine folgenreiche Frage:  Was vermissen Sie am meisten in Deutschland?" Die Antwort war einhellig: “Unsere Gärten”. Warum also nicht auch in Göttingen Gärten bewirtschaften? Tassew Shimeles, Göttinger Agraringenieur aus Äthiopien und heutiger Mit-Preisträger, kam hinzu, und die Idee von den Internationalen Gärten" war geboren. Sie wurde rasch Wirklichkeit.

Schnell entstand eine Fülle von Aktivitäten, die neben der Kultivierung des Bodens ebenfalls  “Früchte" der auch sozial produktiven Prozesse in den Gärten sind. Sprachkurse, künstlerische und handwerkliche Unternehmungen, gemeinsamer Sport, Theaterworkshops, Musik, Beratungstätigkeiten, vielfältige Angebote für Kinder, Fortbildungen in Ernährungs- und Gartenthemen, Betriebsbesichtigungen und Exkursionen. Sie strukturieren in den Internationalen Gärten den Alltag ihrer Mitglieder, insbesondere in den Wintermonaten. Besonders hervorheben möchte ich die Umweltbildungsaktivitäten. Die Göttinger Gärtnerinnen und Gärtner entwickelten ein viel beachtetes und preisgekröntes interkulturelles Umweltbildungskonzept. Es beruht aufgegenseitiger Befähigung, auf der Rekonstruktion der mitgebrachten Wissensbestände und auf innovativen Verknüpfungen.

Stiftung Interkultur: Kooperationspartner der Interkulturellen Gärten von den Internationalen Gärten Göttingen, die heute ein anerkanntes Projekt der interkulturellen Integrationsarbeit sowie des bürgerschaftlichen Engagements sind, gehen wichtige Impulse für das Entstehen einer bereichernden kulturellen Vielfalt im Einwanderungsland Deutschland aus. Und nicht nur von ihnen. Heute finden sich in dem von der Stiftung Interkultur koordinierten bundesweiten Netzwerk Interkulturelle Gärten" eine Vielzahl von Ansätzen, die Partizipation ermöglichen, Ungleichheit ausgleichen und Kreativität fördern. Jedes dieser Projekte hat sein eigenes Profil, das auf die jeweiligen Bedingungen und Erfordernisse vor Ort eine adäquate Antwort bereit hält: Die einen spezialisieren sich wie Göttingen auf interkulturelle Bildungsarbeit, andere auf die therapeutische Arbeit mit traumatisierten Menschen und wieder andere auf berufliche Qualifizierung und den Aufbau von Mikro-Business. Aufgabe der Stiftung Interkultur ist es, die in dieser Vielfalt entstehende Dynamik zu unterstützen, zu erforschen, in die Gesellschaft hinein zu kommunizieren sowie Schnittstellen zu deren Subsystemen herzustellen. So haben wir in einem Pilotprojekt mit der Fachhochschule Bielefeld den Austausch zwischen Gärtnern und Studierenden initiiert und wollen dafür sorgen, dass der Ansatz von Eigeninitiative und Eigenarbeit in den Gärten als Modell für Ressourcenorientierung (übrigens nicht nur für Migranten) in die Ausbildung von Sozialarbeitern und -arbeiterinnen einfließt. Außerdem organisieren wir in diesem Arbeitsschwerpunkt  Wissenstransfer" den Wissens- und Erfahrungsaustausch der Gärtnerinnen und Gärtner untereinander, um Bildungsdefizite mit den Kenntnissen, die sie selbst mitbringen, zu verringern. Gleiche lernen von Gleichen, bringen ihre Fähigkeiten ein und ergänzen sie. In den mit der Stiftung Interkultur kooperierenden Projekten zeigt sich immer wieder, dass es für die Beteiligten wichtig ist, nicht nur auf ihrer Parzelle Gemüse anzubauen, sondern darüber hinaus in einem internationalen Netzwerk eine Rolle zu spielen. Sie nehmen wahr, dass ihre Stimmen auch in anderen Ländern gehört werden; dass ihre Aktivitäten über den Garten hinaus Beachtung finden, und dass es viele Menschen in ihrer Situation in aller Welt gibt, die auf ähnliche Weise versuchen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Hierin liegt auch die zentrale Motivation für die internationale Vernetzungsarbeit der Stiftung Interkultur. Sie steht im engen Kontakt mit Flüchtlingsnetzwerken und innovativen Stadtplanern in verschiedenen europäischen Ländern, mit der Bewegung der Community Gardens in den USA sowie mit BEN, dem  Black Environment Network" in Großbritannien. BEN arbeitet ähnlich wie die Stiftung Interkultur an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit und Migration. Erklärtes Ziel ist, soziale Inklusion von ethnischen Minderheiten über Partizipations- und Aneignungsprozesse von Umwelt im weitesten Sinne zu erreichen.

Zur Bedeutung von Interkulturellen Gärten für die Zukunft der Städte Solche Inklusionsprozesse werden in Zukunft von wachsender Bedeutung sein, gerade auch für das Zusammenleben in Städten, die zur Hauptbühne der Einwanderungsgesellschaft geworden sind. In Großstädten verdichten sich die weltweiten Migrationsbewegungen; sie sind Anziehungspunkte für Menschen mit Migrationshintergrund. Deshalb müsste eines ihrer charakteristischen Merkmale eigentlich ein hohes Maß an integrativer sozialer Durchmischung sein. Dies ist jedoch nicht der Fall. Stattdessen sind in deutschen und anderen europäischen Großstädten fortschreitende Segregationsprozesse zu beobachten. Zuwanderer leben gemeinsam mit anderen sozial unterprivilegierten Schichten mehrheitlich in Stadtvierteln mit niedrigen Mieten, unteren bis mittleren Wohnqualitäten und schlechteren infrastrukturellen und -Versorgungsleistungen. Segregation wird unterschiedlich bewertet, jedoch fast immer auch als Hinweis auf soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Desintegration verstanden. Zunehmend kommt in der stadtsoziologischen und -politischen Debatte nun auch die Frage auf, ob die Zukunft der europäischen Großstädte ähnlich wie die der US-Metropolen verlaufen wird. In der Tat hängt diese Zukunft von heute noch möglichen Weichenstellungen ab. Können gemeinwesenorientierte Mischnutzungskonzepte der Segregation und der Kommerzialisierung des öffentlichen Raums und einer damit einhergehenden sozial-kulturellen Verwahrlosung entgegen wirken? Innovative Antworten sind gefragt, und Interkulturelle Gärten könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. Hier findet eine aus unserer Sicht beispielgebende Aneignung kommunalen Bodens durch Akteure statt, die in der öffentlichen Wahrnehmung eher am Rande stehen, deren Wissensbestände aber höchst fruchtbar gemacht werden könnten für eine zukunftsfähige Einwanderungsgesellschaft. Zahlreiche Beispiele - gerade auch aus Megacities wie New York oder London - zeigen die Integrationspotenziale dieser Community Gardens" und unterstreichen ihre wachsende Bedeutung.

Soziale Gerechtigkeit: Partizipationsmöglichkeiten sind nicht nur zentraler Faktor einer friedlichen Zukunft in pluralen Gesellschaften, sondern immer auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Die Geschichte der neuen Exklusion beginnt für Heribert Prantl, Chef des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung,  ...bei und mit den Flüchtlingen, das Asyl-, das Flüchtlings- und Ausländerrecht war und ist ihr Exerzierfeld, dort wurden Rechtsverkürzung, Leistungsverkürzung, Ausgrenzung erstmals ausprobiert und praktiziert. Bei den Flüchtlingen wurde die Politik der Entsolidarisierung eingeübt, Opfer waren die Schwächsten der Schwachen. Seitdem folgen die anderen Schwachen." (Prantl 2005:154) Asylbewerber werden in diesem reichen Land in Wohncontainern kaserniert und mit Lebensmittelpaketen  versorgt". Der Jurist Prantl beklagt in seinem jüngsten Buch  Kein schöner Land" , dass etwa eine Baby-Erstausstattung nur deutsche Sozialhilfeempfängerinnen erhalten, nicht jedoch Flüchtlingsfrauen:  Das gehört bei ihnen nicht zum Existenzminimum. Das Existenzminimum steht also unter Finanzierungsvorbehalt, unter Abschreckungsvorbehalt und unter Nationalitätenvorbehalt - das Minimum kann offensichtlich immer weiter minimiert werden." (ebd.:158)

Vor diesem politischen Hintergrund verwundert es kaum, dass Interkulturelle Gärten eine große Attraktivität gerade auch unter Asylbewerbern besitzen. Die Bedeutung eines solchen auf Selbstbestimmung, Selbstaneignung und Eigenversorgung zielenden Projekts kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Trotzdem sind Interkulturelle Gärten keine Patentlösung für Desintegrationsprobleme in modernen Gesellschaften. Selbsthilfe allein vermag nicht originäre Aufgaben des Staates wie die Gewährleistung von sozialer Gerechtigkeit zu ersetzen. Dennoch gelten Interkulturelle Gärten schon heute als richtungsweisend, was die in ihnen konsequent angewandte Methodik des Empowerment und der Ressourcenorientierung betrifft. Die Förderung von Interkulturellen Gärten und anderen Initiativen zur Erhaltung und Gestaltung eigenproduktiver, gemeinwesenorientierter öffentlicher Räume, wie sie heute schon von vielen Großstädten betrieben wird, ist eine wertvolle Investition in eine friedliche Zukunft.

Die Verleihung des renommierten Göttinger Friedenspreises, den wir mit vielem Dank entgegen nehmen, bestärkt uns in unserer Arbeit und wird uns weiterhin Programm sein. Danken möchte ich zum Schluss noch der ERTOMIS Stiftung und der Forschungsgesellschaft anstiftung, die die Stiftung Interkultur 2003 gegründet hat. Unter dem Dach der anstiftung werden nicht nur Interkulturelle Gärten, sondern vielfältige Subsistenzstrategien in städtischen und regionalen Kontexten gefördert und erforscht. Danken möchte ich nicht nur dafür, dass hier Mittel für diese immer wichtiger werdende Aufgabe zur Verfügung gestellt werden, sondern auch für inspirierende Ideen, Beiträge und Ermutigungen.

Vielen Dank!

 Begründung - Laudatio

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