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Göttinger Friedenspreis 2006
(Rede von Tassew Shimeles)
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehr geehrte Frau Barann,
Liebe Freunde,
I.
Zuerst möchte ich dem verstorbenen Initiator dieser Stiftung, Herrn Dr. Roland Röhl, meinen Respekt erweisen; Es sind Menschen wie er, die mit ihren Visionen ein Stück Friedensbotschaft an andere Menschen weitergeben. Diese Friedensbotschaft werden wir weiter tragen. Der Göttinger Friedenspreis wird uns dabei ermutigen.
Und - ich möchte Ihnen sagen- diesen Preis haben wir, der Verein Internationale Gärten Göttingen, wirklich verdient.
Liebe Christa, Danke auch an dich und die wunderbaren Menschen der Anstiftung in München, die unsere Idee der Internationalen Gärten aufgegriffen und unterstützt haben. Danken möchte ich auch allen anderen Kooperationspartnern, Förderern und vielen einzelnen Menschen die mit uns die Internationalen Gärten ermöglichten.
Siehe da: Wir haben gemeinsam ein Projekt aufgebaut die inzwischen so viele Menschen in so vielen Städten begeistert.
II.
Meine Damen und Herren, um mich kurz vorzustellen: ich bin Äthiopier – Deutscher- und Weltbürger. 1980 kam ich als Flüchtling nach Deutschland, konnte hier studieren, habe eine Familie gegründet.
Ich habe das Privileg der Bildung erhalten. Und ich habe in diesem Land viel Solidarität erfahren, dadurch konnte ich einiges erreichen.
Es ist für mich persönlich ganz wichtig, die Solidarität, die ich erfahren habe, auch an andere weiterzugeben; das tue ich, indem ich mich für ein gleichberechtigtes Miteinander engagiere.
Aber es gibt noch einen anderen Grund für mein Engagement: Meine beiden Söhne.
Ich wünsche mir, dass meine Söhne in einer Atmosphäre der Achtung und Solidarität groß werden.
Damals vor 10 Jahren bei der Eröffnung des ersten Internationalen Gartens in Geismar sagte mein jüngerer Sohn zu mir … “Papa, der Garten wird dir Glück bringen“… er war damals 8 Jahre alt.
Was für eine Prophezeiung !!!! Die Internationalen Gärten haben nicht nur mir, sondern vielen anderen Menschen Glück gebracht !
III
Zuwanderung bringt Vielfalt. Eine Vielfalt, die auch Gegensätze in sich birgt wie der Gegensatz von
der säkularen und der sakralen Welt
der individualisierten und der familienorientierten Lebensform
dem pluralistischen Denken und dem monokausalen Denken
der modernen konsumorientierten und der auf lokale Kreisläufe gerichteten Haushalte
der demokratischen Wissensgesellschaft und der autoritären politischen Regime
Einige dieser Gegensätze finden ihre Reflexion auch in den Internationalen Gärten und ihren Projekten.
Oder sind dies keine Gegensätze, sondern werden sie nur von bestimmten Interessen-Gruppen missbraucht, um Menschen zu trennen ? Wie wir das momentan gerade erleben ?
Deutschland hat seit 1945 Millionen von Menschen aufgenommen und zum Teil gut integriert. Darauf kann Deutschland stolz sein. Die Gesellschaft muss jedoch allen Zuwanderern gleichberechtigte Zugänge bieten - unabhängig von ihrer Herkunft. Diese müssen unter anderem durch Antidiskrimienierungsgesetze garantiert werden.
Für unsere Praxis in den Internationalen Gärten sind unterschiedliche Religion, Bildungstand, ethnische Zugehörigkeit oder Vorurteile keine unversöhnlichen Gegensätze. Im Gegenteil, ständig thematisieren wir diese scheinbar gegensätzlichen Welten - sei es beim Gärtnern, bei Gruppensitzungen oder Fortbildungen - um neues Lernen und neue Erfahrungen entstehen zu lassen.
Zentrale Arbeitsweisen dabei sind:
- Jedem Achtung und Respekt entgegenbringen
- Berührungsforen für eine friedliche Auseinandersetzung zu bieten
- Die Eigeninitiative zu stärken, um etwas für sich und die Kinder tun zu können.
- Die Fähigkeiten und Fertigkeiten jedes einzelnen anerkennen
- Das Wohnumfeld in unser Handeln integrieren
- Der Isolation und dem Rückzug entgegenwirken
- Durch Bildung und Fortbildung die Chancen auf Arbeit erhöhen
Die Internationalen Gärten sind wie ein Drehpunkt der Integration - voll von Themen der Kindererziehung, der Schule, der Sprache, der Arbeit, der Geschlechterhierarchie, der Gesundheit, der politischen Emanzipation, der Schneckenplage, des Unkrautwucherns - und der mangelnden Sonne.
Berge von Integrationsappellen werden nicht nutzen, Menschen dazu zu bewegen, ihre vertrauten Lebensweisen aufzugeben. Viele Traditionen können nicht schnell aufgegeben werden, weil Menschen darin Solidarität und Sicherheit finden.
Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, Menschen zu ermöglichen neue soziale Netze aufzubauen, worin Sie materielle Sicherheit und kulturelle Entfaltung finden können.
Achtung und Vertrauen, so klein wie ein Senfkorn, kann Berge versetzen.
Menschen zusammenzubringen, ihre materiellen und kulturellen Unterschiede aufzugreifen und eine Synthese von Tradition und Moderne zu suchen, genau das versuchen wir mit unseren Gemeinschaftsstiftenden Praxis- und Bildungsprojekten.
Wie sie sich vorstellen können, müssen die sich dabei entfaltende Dynamik und Prozesse sowohl nach innen als auch nach aussen moderiert und kommuniziert werden. Die Impulse, die wir aus der Vielfalt gewinnen, versuchen wir in die Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft einfließen zu lassen, um soziale Zugänge und Teilhabe zu ermöglichen.
Das gelingt aber nur, wenn die politischen - sozialen - und Bildungsstrukturen vor Ort offen sind und sich auch Vielfalt wünschen.
IV
Ich denke der Erfolg unserer bisherigen Integrationsarbeit kann sich sehen lassen.
Einige Informationen für Sie:
- 5 Rohgrundstücke haben wir in den 10 Jahren in blühende Internationale Gärten verwandelt, die für die Nachbarschaft, Kindergärten, Schulen und Stadtteilinitiativen offen stehen. Die Grundstücke haben wir von Kirchengemeinden, der Stadt Göttingen und von Privat-Leuten bekommen.
- Unser Verein hat heute 79 Mitglieder mit ihren Familien sind das etwa 300 Menschen aus 21 Nationen, 20 Prozent unserer Mitglieder sind Einheimische.
Eingebunden in die gärtnerischen Aktivitäten haben wir 16 Kleinprojekte und Bildungsprojekte entwickelt, davon nenne ich einige:
- 35 Frauen haben in unseren Alphabetisierungskursen schreiben gelernt
- Jährlich empfangen wir Schulklassen aus Stadt und Landkreis Göttingen
- Für 80 Jugendliche aus 16 Ländern haben wir von 1998 bis 2003 vier Internationale Jugendworkcamps veranstaltet
- Jedes Jahr leisten straffällig gewordene Jugendliche bei uns gemeinnützige Arbeit. Viele von Ihnen sind straffällig geworden weil Ihnen nicht genügend Achtung entgegengebracht oder sie sind Opfer von Diskriminierungen jeglicher Art.
- Jugendgruppen der Göttinger Partnerstädte besuchten unsere Gärten
- Mehrmals im Jahr organisieren wir für Mitglieder und Interessierte Betriebsbesichtigung zu Biobetrieben, Umweltzentren, Handwerksbetrieben, oder Landesgartenschau
- Ein einjährige Umweltbildungsprojekt „ Lebendiger Boden-Lebendige Vielfalt“ wurde von 20 Menschen selbstkonzipiert gestaltet
- Seit einigen Jahren beraten wir Studenten bei ihren Diplomarbeiten. Vielleicht entsteht ein Internationaler Garten in Japan,in Äthiopien und Irak.
Seit 1999 verbreiten wir unsere Integrationsidee
Bundesweit haben wir, teilweise zusammen mit der Stiftung Interkultur, 45 Vorträge bei Initiativen, Kommunen, Kirchengemeinden oder Universitäten gehalten. 30 Interkulturelle Gärten sind inzwischen entstanden; weitere 50 sind im Aufbau
Multiplikatoren aus dem gesamten Bundesgebiet besuchen unser Projekt, darunter vermehrt Delegationen des Bundesprogramms “Soziale Stadt“
Auch Delegationen aus dem Ausland waren zu Gast: wie Studenten der Universität St. Clara / Cuba, der Kleinbauernverband der Partnergemeinde des Kirchenkreises Göttingen aus Brasilien, Pastoren aus Tanzania und Indien
Wir haben
- 20 befristete Arbeitsplätze über die Jahre schaffen können.
- In den letzten 10 Jahren haben wir 12 Preise gewonnen, darunter den Integrationspreis des damaligen Bundespräsidenten, Johannes Rau, einen niedersächsischen Umweltpreis, einen Preis für bürgerschaftliches Engagement und Agenda – 21 Preise.
All dies wurde begleitet von einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit in Presse, Rundfunk und Fernsehen.
So viel kreativer Einsatz.... So viel Mobilisierung und Ermutigung ….So viel Konfliktschlichtung… so viele schlaflose Nächte……..
All diese Aktivitäten ermöglichten uns soziale Berührungen und neues Lernen, die Voraussetzung für Integration sind.
Meine Damen und Herren, haben wir uns etwa nicht genügend um Integration bemüht ?
Und dennoch: Unsere Integrationsarbeit ist finanziell nicht abgesichert.
Manche meinen wir würden nur gärtnern und dafür bräuchten wir keine Stellen.
Sicher, gärtnern kann jeder alleine, aber die Integrationsarbeit, die wir erbringen, ist harte Arbeit. Sie bedarf vieler kreativer Ideen, Vertrauen, Verhandlungsgeschick, Durchhaltevermögen und eines unbürokratischen Geistes.
Sie bedarf der unermüdlichen Motivation und des ständigen Ausgleichs.
Diese Arbeit braucht wie jede andere soziale Arbeit sichere Strukturen.
VI
Unsere heutige gesellschaftliche Realität ist folgende: etwa 30% der Schüler in Deutschland haben bereits einen Migrationshintergrund; die Prognose in 20 Jahren ist: etwa die Hälfte der Bevölkerung werden Zugewanderte sein oder einen Migrationshintergrund haben.
Die zentrale Frage ist nun: Wie können wir die gemeinsame Zukunft gestalten?
Bildung ist der Schlüssel zur Integration, Bildung verbessert Teilhabe. Partizipation garantiert sozialen Frieden.
Unser Bildungsansatz berücksichtigt auch Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ( Alter, Bildung, Gesundheit, Familie ) keine Chancen mehr auf einen Arbeitsplatz haben. Diese Gruppe wird in Zukunft anwachsen. Sozialer Frieden durch Bildung und Teilhabe gewinnen daher immer größere Bedeutung. Die Qualität des Zusammenlebens im Stadtteil wird davon immer mehr beeinflusst. Der Mensch muss sich selbst – mindestens ein bischen – in den Strukturen seines Umfeldes reflektieren können.
Die Göttinger Gärten leisten ihren Beitrag zur Entlastung des Wohnumfeldes.
Mit gärtnerischen Aktivitäten mobilisieren wir verschüttete Energien und öffnen Menschen für eine Wissensaufnahme, die an den eigenen Erfahrungen ansetzt.
Ein Bildungsansatz, wo jeder Einzelne Lernender und Lehrender sein kann.
Im Dezember 2005 hat der Verein für seine Umweltbildung den 1. Preis der niedersächsischen Umweltstiftung erhalten. Der niedersächsische Umweltminister
Sander würdigte unseren Bildungsansatz als „…..einen hervorragenden Weg, Menschen verschiedener Herkunft über den ökologischen, sozialen und religiösen Austausch eigener kultureller Erfahrungen und Wissen …… zu aktiven Beiträgen …… anzuregen und ihnen die neue Heimat näher zu bringen….“.
Wir möchten diese positiven Erfahrungen fortführen und planen, eine mobile, praxisorientierte Akademie aufzubauen. Die Akademie heißt die “Die Grüne Sprache der Völker“ und soll als Schwerpunkt die „Ökologische Bildung von Migranten im Kontext sozialer Friedensarbeit“ haben. Eines Tages soll diese Akademie mit Projekten auch in unsere Herkunftslämder ausstrahlen. Privilegien, die wir hier in Deutschland haben, möchten wir mit anderen teilen.
Wir brauchen Strukturen in den Kommunen, die interkulturelle Bildungsmodelle fördern, damit Lösungen für eine gemeinsame Zukunft entwickelt werden können.
Wurzel nschlagen bedeutet neue soziale Netze aufbauen, und das bedeutet mehr Foren, mehr Zugänge, die uns helfen die gegenseitige Fremdheit zu überwinden und gleichberechtigt zu leben und zu arbeiten.
Integrationsarbeit ist Friedensarbeit - den Frieden bekommen wir nicht geschenkt, wir können ihn nur gemeinsam erarbeiten.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. |