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Prof. Ursula Birsl
Göttinger Friedenspreis 2006 der Stiftung Dr. Roland Röhl
an:„Internationale Gärten Göttingen e.V.“ und „Stiftung Interkultur e.V.“
Sehr verehrte Damen und Herren, lieber Herr Shimeles, liebe Frau Müller,
erlauben Sie mir, dass ich aus der Sicht einer Sozialwissenschaftlerin und Migrationsforscherin versuche, die Bedeutung Ihres Engagements für die Integration in der bundesdeutschen Einwanderungsgesellschaft hervorzuheben.
In einer unserer Untersuchungen zu Migration und Interkulturalität hat ein Arbeiter bei einem Autobauer, der als angeworbene Arbeitskraft in den sechziger Jahren aus der Türkei in die Bundesrepublik eingewandert ist, es so formuliert:
„Fremde sind – so glaube ich – Fremde in jedem Land, mehr oder weniger. Es ist nur eine Frage, wie man sich nähert. Sie können sich das wie bei Zahnkränzen vorstellen: Die dürfen nicht zu weit auseinander stehen, aber auch nicht zu festgezogen sein. Dann gehen sie kaputt. Das muss den Leuten mit der Zeit beigebracht werden. Ja, und dann muss jeder selbst sehen, wie der Abstand (zwischen den Zahnkränzen) abzustimmen ist“.
Mit dem Bild der justierten Zahnkränze hat der Arbeiter zwei zentrale Aspekte von Interkulturalität in einer Migrationsgesellschaft wie der bundesdeutschen angesprochen: Zum einen müssen sich Kulturen aufeinander zu bewegen und ineinander greifen, um einen gemeinsamen Sinnhorizont und gesellschaftliche Kommunikation erzeugen zu können. Zum anderen sind Fragen nach Abstand oder Nähe, nach kultureller Distanz bzw. Differenz oder kultureller Konvergenz Fragen, die sich Migrationsgesellschaften selbst stellen und selbst beantworten müssen. Bei Zahnkränzen ist es eine technisch zu lösende Frage nach Maßeinheiten. Ob der richtige Justierungsgrad gefunden ist, die Zahnkränze also optimal ineinander greifen, ist messbar.
Kulturelle Differenz ist hingegen nicht messbar; sie wird durch öffentliche Diskurse, subjektive Erfahrungen und Alltagspraxis hergestellt. Hierüber kann kulturelle Differenz vertieft, aber auch verändert und abgebaut werden oder sogar gänzlich in der Wahrnehmung verschwinden. Insbesondere Dichotomien wie „Deutsche versus Ausländer“, „Christen versus Muslime“ oder – ganz vormodern – „Abendland versus Morgenland“, die in der jüngeren Vergangenheit im öffentlichen Diskurs wieder prominent vertreten sind, befördern die Wahrnehmung kultureller Differenz und die Konstruktion des „Eigenen“ und des „Fremden“.
Und noch etwas ist bedenkenswert, wenn es um Fragen nach kultureller Differenz oder Interkulturalität in der (Migrations-)Gesellschaft geht: Welche Kulturen differieren, und über welche Kulturalität sprechen wir? Über regionale oder religiöse Kulturen? Oder über die Kultur sozialer Klassen und über Kulturalität in der Klassengesellschaft?
Ist die kulturelle Differenz zwischen einem Arbeiter im Lohnbereich und einem außertariflich bezahlten Angestellten im höheren Management in der Autoindustrie deshalb geringer, nur weil beide dieselbe erste Muttersprache haben, vielleicht auch noch in derselben Stadt geboren und aufgewachsen sind und derselben christlichen Kirche angehören? Ist die kulturelle Differenz zwischen dem oben zitierten Arbeiter aus der Türkei und seinem Arbeitskollegen aus Deutschland deshalb größer, nur weil sie nicht dieselbe erste Muttersprache haben, nicht in derselben Stadt geboren und aufgewachsen sind und nicht derselben Religion angehören?
Nach dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu – auf den sich auch Christa Müller in ihrem Buch „Wurzeln schlagen in der Fremde. Die Internationalen Gärten und ihre Bedeutung für Integrationsprozesse“ bezieht – wäre zumindest eines klar: Der Arbeiter aus dem Lohnbereich und der AT-Angestellte sind unterschiedlich mit ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital ausgestattet. Sie haben zwar dieselbe erste Muttersprache, aber sprechen sie auch dieselbe Sprache? Sie unterscheiden sich in ihrem Lebensstil, in ihrem Verhalten, in ihrem Geschmack, kurzum: in ihrem Habitus.
Gesellschaften zeichnen sich nicht durch eine Kultur aus, sondern durch Kulturen: durch regionale, konfessionelle und soziale Kulturen, wobei in jeder Region, jeder Religion und jeder Klasse jeweils ebenfalls Kulturen und Subkulturen anzutreffen sind. Sie sind aufeinander bezogen – selbst in Versuchen, sich voneinander abzugrenzen.
Migrantinnen und Migranten, die aus ein und demselben Herkunftsland kommen, sind damit ebenso Trägerinnen und Träger verschiedener Kulturen. Erst Konstruktionen in der Aufnahmegesellschaft und Konstruktionen durch Migrationserfahrungen stilisieren diese Gruppe zu einer kulturellen Gruppe. Es ist ein Prozess der gegenseitigen Eigen- und Fremdzuschreibung.
Wenn wir über Interkulturalität sprechen, dann müssten wir über den gemeinsamen Sinnhorizont und über gesellschaftliche Kommunikation zwischen all diesen Kulturen nachdenken.
Wenn wir über Integration in der bundesdeutschen (Migrations)Gesellschaft sprechen, dann müssten wir über die sozialen Zusammenhänge, Probleme und Konfliktlinien nachdenken, aus denen all diese Kulturen hervorgehen.
Dann müsste über das Auseinanderdriften und das Justieren sehr vieler Zahnkränze nachgedacht werden. Dies geschieht jedoch nicht. In der Politik - wie auch zum Teil in der Wissenschaft – wird in getrennten Diskursen über die Klassengesellschaft und über die Migrationsgesellschaft debattiert.
Dazu wiederum ein anderer von uns befragter Arbeiter, dessen Familie ebenfalls aus der Türkei eingewandert ist. Er selbst ist vor über 30 Jahren in der Bundesrepublik geboren, und er ist hier aufgewachsen. Er kritisiert die hohen Hürden für die Einbürgerung:
„Das ist eine absichtlich geführte ‚Zweitbürgerschaft’. Das heißt also, der Ausländer muss Ausländer bleiben, damit bestimmte soziale Probleme, die die Deutschen selbst haben, nicht zum Vorschein treten. Das heißt also, von Problemen, die in Deutschland herrschen, soll abgelenkt werden“.
Der Verein „Internationale Gärten Göttingen“ und die Stiftung Interkultur schaffen nun Brücken zwischen diesen Diskursen und zwischen den Kulturen; sie bewegen sich im Spannungsfeld der Diskurse und Kulturen.
Interkulturalität wird hier nicht als Interkulturalismus im Sinn eines pädagogischen Programms missverstanden. Es ist kein Engagement für „Andere“, sondern ein Engagement „Füreinander“.
Es ist kein Engagement für „Andere“ als Opfer, sondern ein Engagement für Anerkennung und gegenseitigen Respekt.
Dabei sind viele der Aktiven in den Internationalen Gärten durchaus Opfer: Opfer von Umweltzerstörung und Naturkatastrophen, von gewaltförmigen Konflikten, politischer Verfolgung und/oder sozialer Notlage.
Die Initiative für den ersten internationalen Garten in Göttingen-Geismar ging von bosnischen Flüchtlingsfrauen aus. Sie wollten anknüpfen an das, was ihnen bei der Flucht verloren ging und was ihre Stärken und Kompetenzen sind: Bodenbewirtschaftung, gemeinsames Herstellen von Produkten aus der Natur. Christa Müller beschreibt dies – symbolisch - auch als „Wurzeln schlagen in der Fremde“. Tassew Shimeles sagt, der „Boden verbindet uns mit unseren Nachbarn, mit anderen Menschen und Institutionen. Der Boden verbindet uns mit unserer innersten Kraft“.
Die mehr als 300 Aktiven in den Göttinger Gärten kamen und kommen aus über 20 Nationen. So etwa aus Afghanistan, Äthiopien, Bosnien, Deutschland, Eritrea, Irak, Iran, Kongo, Libanon, Marokko, Palästina, Peru, Russland, Sri Lanka, Somalia, Syrien, Tanzania, Tschechien, Türkei und Ukraine.
Und sie kommen aus allen Altersgruppen und sozialen Klassen: Da ist die Jugendliche, die studieren möchte und der Rentner. Da ist die Hausfrau und Mutter, die keine Ausbildung machen konnte und die gelernte Konstrukteurin. Da ist der „internationale“ Gärtner, der seine Arbeit verloren hat und arbeitslos ist sowie der Facharbeiter und der promovierte Zahnmediziner.
In den Internationalen Gärten Göttingens treffen sich Mitglieder aller sozialen Klassen und Kulturen. Hier treffen sich Menschen mit und Menschen ohne Migrations- und Fluchterfahrungen. Hier treffen sich Menschen mit Erfahrungen von Gewalt, Traumatisierung und Verlust sowie Menschen mit der Erfahrung, in Frieden zu leben.
Und: Hier treffen unterschiedliche Alltagserfahrungen aufeinander – in Konflikten. Dazu Christa Müller:
„Die Internationalen Gärten sind kein konfliktfreier Raum. Im Gegenteil. Vielen Migranten fällt es aufgrund ihrer Biographien sogar außerordentlich schwer, mit Konflikten umzugehen. In der Erfahrung Vieler gab es immer nur die Logik des Krieges: angesiedelt zwischen Polaritäten wie Krieg oder Frieden, Heimat oder Flucht, tot oder lebendig (...). Die Verortung in Zwischenräumen, sozialen Kontinua und Widerspruchsfeldern muss häufig erst mühsam erlernt werden, denn insgesamt sind in den Gärten wenig Erfahrungen mit erfolgreichen Konfliktlösungsstrategien vorhanden, in denen die eigene Handlungsweise relevant für Veränderungen wurde“.
Die Internationalen Gärten erscheinen mir wie ein Mikrokosmos der Klassen- und Migrationsgesellschaft. Für einen gemeinsamen Sinnhorizont und gesellschaftliche Kommunikation bedarf es hier einer gemeinsamen Sprache – sicher auch einer gemeinsamen Verkehrssprache wie der deutschen, die hier gelernt werden kann. Gemeint ist aber: „Die Grüne Sprache der Völker“, wie ein Umweltprojekt der Göttinger Gärten betitelt ist.
Die „Internationalen Gärten Göttingen“ feiern dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum, zu dem ich herzlich gratulieren möchte. Die Stiftung Interkultur ist vor 3 Jahren von der Münchener Forschungsgesellschaft „anstiftung“ gegründet worden. Sie vernetzt, berät und unterstützt mehr als 80 interkulturelle, internationale Gärten bundesweit. Und sie hält Kontakte international wie beispielsweise zu den „Community Gardens“ in den USA oder zu dem britischen „Black Environment Network“.
Der 8. Göttinger Friedenspreis wird an zwei Organisationen verliehen, die sich in Themenbereichen engagieren, die für den Stifter Roland Röhl wichtig waren: Krieg, Konflikt, Umweltzerstörung – Frieden, soziale Sicherheit, Ökologie, Nachhaltigkeit.
Ich wünsche Ihnen, Herr Shimeles, und Ihnen, Frau Müller, stellvertretend für Ihre Organisationen weiterhin viel Erfolg. Und ich wünsche Ihnen viel Glück in Ihrem Bemühen, sich in dem Spannungsfeld der Diskurse und der Kulturen zu bewegen, Zahnkränze zu justieren.
Herzlichen Glückwunsch zum Göttinger Friedenspreis 2006. |