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 Laudatio05

Staatssekretär Erich Stather

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Verleihung des „Göttinger Friedenspreises“ der Stiftung Dr. Roland Röhl

Laudatio auf den Preisträger „Forum Ziviler Friedensdienst e.V.“

Göttingen, 5. März 2005

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren,

Stefan Zweig hat einmal gesagt: Einer muss den Frieden beginnen wie den Krieg. Für mich sind heute hier Menschen versammelt, die den Frieden beginnen wollen. Ich freue mich, bei Ihnen zu sein und übernehme gerne die ehrenvolle Aufgabe, das „Forum Ziviler Friedensdienst“ als den diesjährigen Preisträger des Göttinger Friedenspreises zu würdigen.

I. Einführung

-Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Leben zu vieler Menschen noch immer von Flucht, Vertreibung und Gewalt geprägt. Fast 40 kriegerische Konflikte, zumeist innerhalb von Staaten, verbreiten Leid in dieser Welt.

-Die Wurzeln dieser Konflikte sind oft strukturell bedingt: Zu große wirtschaftliche oder soziale Ungleichheit entlädt sich in gewaltsamen Auseinandersetzungen. Eine andere häufige Ursache sind Umweltzerstörung oder Ressourcenknappheit. Dort, wo demokratische Strukturen fehlen, wo Menschen nicht gelernt haben, Konflikte gewaltfrei beizulegen, wo ihnen der Zugang zum Rechtssystem verwehrt ist, dort entstehen Konflikte, die nicht zivil, sondern gewaltsam ausgetragen werden.

-Da Konflikte grundsätzlich aber ein integraler Bestandteil gesellschaftlicher Prozesse sind und bleiben, kommt es für eine wirksame Friedenspolitik darauf an, die Fähigkeit einer Gesellschaft zu stärken, auf konstruktive und friedliche Weise mit Konflikten umzugehen. Insbesondere in der Konfliktfolgezeit müssen dann  friedenskonsolidierende Maßnahmen ansetzen, um einen erneuten Ausbruch der Gewalt zu verhindern.

-Die engagierte Arbeit des Forums Ziviler Friedensdienst ist hierbei von ungebrochener Aktualität und Dringlichkeit.

II. Ziele und Ansätze des Forum ZFD

-Ziviler Friedensdienst im Sinne des gewaltfreien Eingreifens in Konflikte, bei denen gewaltsame Eskalation droht, wurde schon vor Jahrzehnten in unterschiedlicher Weise von Vordenkern wie Mahatma Gandhi, Martin Luther Kingund John F. Kennedy entwickelt.

-Darum denke ich bei Ihrer Arbeit immer wieder an den schönen Satz von Gandhi: „Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn der Frieden ist selber der Weg.“

-Das Forum Ziviler Friedensdienst steht für den Ansatz, die Visionen von Gandhi und King in der heutigen Zeit lebendig zu machen. Bei der Arbeit der Friedensfachkräfte in Kroatien oder den palästinensischen Gebieten werden Themen wie inter-kultureller Dialog, Gewaltfreiheit und Respekt vor der Würde des Menschen nicht nur als utopische Ideale gesehen, sondern in der täglichen Arbeit erfahrbar gemacht.

-Bei dem Aufbau und der Ausgestaltung des Zivilen Friedensdienstes – einem 1999 gegründeten Gemeinschaftswerk staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen – hat das Forum eine prägende Rolle eingenommen. Heute hat sich der damals neue entwicklungspolitische Ansatz, qualifizierte Friedensfachkräfte in Konfliktgebieten einzusetzen, als ein erfolgreiches und unverzichtbares Instrument der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und Friedenspolitik etabliert.

-Die Anerkennung für die engagierte Arbeit des Forums als Ausbilder und Entsendeorganisation von Friedensfachkräften – vornehmlich in den Nahen Osten und nach Südosteuropa – mag durch den breiten Unterstützerkreis zum Ausdruck kommen: Dem 1994 als Dachverband zahlreicher Gruppen und Initiativen gegründeten Träger gehören heute über 120 Einzelmitglieder und 40 Organisationen an.

-In Zeiten, in denen viel von kultureller Entfremdung und einem angeblich unvermeidbaren Zusammenprall der Kulturen zu hören ist, wird die politische Bedeutung einer friedenspolitischen Arbeit, die sich vor Ort um Dialog und Aussöhnung bemüht, besonders deutlich.

-Das Engagement des Forums Ziviler Friedensdienst spiegelt eine wichtige Erfahrung wider: Menschen an der Basis können auf allen Ebenen der Konfliktbewältigung Einfluss nehmen. Sie sind interessiert an gewaltfreien Konfliktlösungen, Prävention sowie der Bearbeitung der strukturellen Ursachen von Gewalt.

-Ziel des Zivilen Friedensdienstes ist es, dieses Interesse aufzugreifen und die lokal vorhandenen Friedenspotentiale zu stärken. Nur durch eine ausgeprägte Partnerorientierung kann es gelingen, Mechanismen der Artikulation und des Ausgleichs zu entwickeln, die im jeweiligen historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontext akzeptiert und von den Menschen vor Ort mitgetragen werden.

-Ich möchte ihnen aus Serbien ein Beispiel erzählen, in dem sich für mich der Erfolg spiegelt, der mit den Mitteln der zivilen Konfliktbearbeitung erreicht werden kann. Eine Friedensfachkraft, die von dem Forum auf ihren Einsatz vorbereitet wurde, initiierte in Serbien nahe der mazedonischen Grenze ein Computerkursprojekt. Beteiligt waren eine serbische und eine albanische Schule. Über das „Netz“ miteinander verbunden, schrieben die serbischen Kinder kleine Briefe an die albanischen. Dabei war ihre Hauptfrage, ob die albanischen Kinder sie hassten und ob sie bereit wären, mit ihnen zusammenzuleben. Zur großen Überraschung der serbischen Kinder lautete die Antwort der albanischen Kinder, dass sie sie nicht hassten und sich gerne mit ihnen treffen würden. Aus dem elektronischen Netz wurde so ein lebendiges Friedensnetzwerk der Kinder.

III. Die Qualifizierung von Fachkräften durch das Forum ZFD

-Das BMZ ist dem Forum Ziviler Friedensdienst dankbar, dass es 2002 als Dachverband die Gesamtverantwortung für die anspruchsvolle Aufgabe übernommen hat, Menschen dafür zu qualifizieren, bei Konflikten zwischen Angehörigen verschiedener Interessengruppen, Ethnien und Religionen Brücken zu bauen, in Zusammenarbeit mit dem Partner vor Ort Ansätze zivilgesellschaftlicher Friedensarbeit zu stärken und Beiträge zu Versöhnung und Wiederaufbau zu leisten.

-Professionell und persönlich stellen Konfliktbearbeitung und Krisenprävention große Anforderungen; oft sind die Friedensfachkräfte in ihrer Arbeit extremen Belastungssituationen ausgesetzt. Das Anliegen des Forums, Menschen auf diese Arbeit vorzubereiten, kann daher nicht genug gewürdigt werden. „Frieden braucht Fachleute“, die nicht nur Berufs- und Auslandserfahrungen haben, sondern auch soziale und interkulturelle Kompetenzen mitbringen, um in einem komplexen Umfeld arbeiten zu können.

-Daneben stärkt die Arbeit des Forums auch bei uns zivilgesellschaftliche Strukturen: Die Friedensfachkräfte  bringen ihre Erfahrungen mit der Konfliktbearbeitung nach ihrem Auslandaufenthalt mit zurück nach Deutschland und können sie hier in der Projektarbeit fruchtbar machen.

-Mit all dem trägt die breite Öffentlichkeitsarbeit des Forums dazu bei, die Ideen und Möglichkeiten der friedlichen Streitbeilegung auch in unserer Gesellschaft bekannter zu machen und zu verankern.

IV. Unterstützung des BMZ im Rahmen einer kohärenten Friedenspolitik

-Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung möchte den Zivilen Friedensdienst heute als wichtigen Baustein der Friedenspolitik der Bundesregierung nicht missen! Die Arbeit des Forums ZFD als ein Träger und Förderer dieses entwicklungspolitischen Instruments wird auch in Zukunft unsere Unterstützung finden. Für die Stärkung von Friedenspotentialen mit lokalen Partnern, die Vermittlung bei Konflikten sowie Beiträge zu Wiederaufbau und Versöhnung wurden seit 1999 rund 74 Mio. Euro bereitgestellt. Mittlerweile arbeiten fast 200 Friedensfachkräfte weltweit.

-In ihrem im letzten Jahr verabschiedeten Aktionsplan „Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“ hat die Bundesregierung die Bedeutung des Zivilen Friedensdienstes hervorgehoben.

-Die Bundesregierung hat sich in ihrem Handeln einem erweiterten Sicherheitsbegriff verschrieben, der politische, ökonomische, ökologische und soziale Stabilität umfasst. Im Zentrum dieses Handelns steht der Präventionsgedanke. Aufgabe der Entwicklungspolitik ist es dabei, durch Verbesserungen der Verhältnisse in diesen Bereichen zur Verhinderung und zum Abbau struktureller Ursachen von Konflikten sowie zur Förderung von Mechanismen gewaltfreier Konfliktbearbeitung beizutragen

-Doch auch ein so wichtiges Instrument wie der Zivile Friedensdienst kann das Ziel der dauerhaften Friedenskonsolidierung nicht alleine erreichen. Es ist darum wichtig, dass die verschiedenen Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit sich gegenseitig unterstützen und das Bemühen um den Abbau von strukturellen Konfliktursachen durch die Arbeit aller Politikfelder flankiert wird, so wie es im Gesamtkonzept der Bundesregierung zur Krisenprävention und Konfliktbeilegung vorgesehen ist.

-Wir wissen: Politische Krisen und Konflikte verlaufen nicht linear und jede Intervention von außen findet unter unsicheren Wirk- und Rahmenbedingungen statt. Entscheidend für die Wirksamkeit eines entwicklungspolitischen Beitrags im Kontext von Krisen und Konflikten ist die situationsspezifische Verknüpfung der gesamten verfügbaren Instrumente im Rahmen einer politischen Gesamtstrategie.

V. Ausblick

-Mit der Kampagne „ZFD500 – Mehr Fachleute für den Frieden“ strebt das Forum gemeinsam mit anderen Trägern der Entwicklungszusammenarbeit nun die Ausweitung des Zivilen Friedensdienstes an. Dahinter steht die Idee, den Zivilen Friedensdienst als Mittel einer neuen Politik friedlicher Streitbeilegung nutzbar zu machen.

-Die heutige Preisverleihung wird ihren Teil dazu beitragen, das Grundanliegen des Forums – die Möglichkeit und Notwendigkeit gewaltfreier Konfliktbearbeitung – einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Dies liegt im Sinne des Stifters Dr. Roland Röhl, dessen Bemühen als Journalist es war, durch kritische und engagierte Berichterstattung in den Menschen die Verantwortung für den Frieden zu wecken.

-Ich danke den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Forums Ziviler Friedensdienst im Namen des BMZ für die vertrauensvolle Zusammenarbeit den letzten Jahren! Ich gratuliere Ihnen herzlich zu der Verleihung des „Göttinger Friedenspreises“. Ich wünsche mir, dass diese Auszeichnung Ihrem weiteren Engagement für eine friedensorientierte Gestaltung der globalen Rahmenbedingungen zu gute kommt! 

 

 Begründung - Rede des Preisträgers

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