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 Laudatio04

Rede zur Verleihung des Göttinger Friedenspreises an

Abt Benedikt Lindemann

Göttingen, den 06. März 2004

Von Antje Vollmer

Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

Schutzwall

dieser Tage sind palästinensische Kläger vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gezogen, um gegen den sogenannten „Schutzwall“ zu klagen, den Israel seit fast zwei Jahren gegen den Terror aufstellt. Nicht nur für uns Deutsche, die eine ganz besondere Beziehung zu derartigen Mauern haben, da wir vor fast 15 Jahren selbst eine Trennungsmauer eingerissen haben, wirken vor allem die Teile des Walls, die aus Beton errichtet werden, entsetzlich einschüchternd und gleichzeitig strahlen die neun Meter hohen Mauerstücke auch eine gigantische Hilflosigkeit aus, als ob man jede Hoffnung auf intellektuelle Wege der Konfliktlösung aufgegeben hätte.

Es spielt keine Rolle, zu welchem Ergebnis das Gutachten des Gerichtshofs kommt. Die Mauer ist auf jeden Fall ein Anachronismus in einem ebenso unzeitgemäßen Krieg zwischen den Israelis und den Palästinensern.

Gewaltlosigkeit als Weg

Die physische Barriere ist keine Lösung. Jeder kann sich das vorstellen. Der Hass sickert durch jede Ritze, wie Wasser. Auf die Dauer kann nur die Strategie im Nahen Osten erfolgreich sein, die unbeirrt daran arbeitet, die jahrzehntelang eingravierten Gefühle des Hasses und der Demütigung umzuleiten in eine Energie, die aus der Ausweglosigkeit heraus in eine friedliche Zukunft führt. Wenn Krieg, Gewalt und schützende Mauern die Lösung nicht hervorbringen können, muss ein anderer Weg gefunden werden.

Verhandlungen auf den Regierungsebene und Pläne von Staatsmännern hat es zuhauf gegeben. Oslo-Prozess, Mitchell-Plan, Camp David-Verhandlungen. Kluge und erfahrene Politiker haben mit den unterschiedlichsten Strategien und mit unterschiedlich weitreichender Kompromissbereitschaft, versucht, Frieden herzustellen. Aber alle Pläne sind gescheitert.

Vielleicht war es uns doch noch nicht wichtig genug? Vielleicht haben wir uns immer noch nicht genug im eine Lösung bemüht, die den Punkt der Wende zum Besseren wirklich trifft?

Auch die "Roadmap" wird durch die täglichen blutigen Auseinandersetzungen zur Unglaubwürdigkeit verurteilt.

Öffentlichkeit I

Der nächste Versuch, Frieden in dieses Chaos zu bringen muß vor allem eines erringen: die Unterstützung der beiden Zivilgesellschaften. Israelis und Palästinenser stecken je in ihren eigenen Spiralen des Hasses aufeinander, der Angst vor der Gewalt, der Trauer um die unermeßlichen Verluste und der Verzweiflung ob des fehlenden Auswegs. Nur der Plan kann jetzt gelingen, der die Menschen hinter sich bringt und ihre Unterstützung erlangt, so dass die Öffentlichkeit dann wiederum Druck auf die Politik in Richtung Friedensprozess ausüben kann.

Es gibt jetzt einen neuen Entwurf für eine friedliche Lösung, die das Zeug dazu hat, genau diese überzeugende Wirkung auf die israelische und die palästinensische Gesellschaft auszuüben – Die „Genfer Initiative“. Aber diese Inititative hat eine Vorgeschichte:

Was das bewunderungswürdige Projekt der "Genfer Initiative" im Politischen ist, das ist die Arbeit des Abtes Benedikt Lindemann und seiner Wirkungsstätte in Jerusalem im Bereich der Religionen und der Spiritualität.

Die Abtei Hagia Maria - seine Wirkungsstätte - gibt es schon seit Anfang des letzten Jahrhunderts. Heute befindet sie sich im Herzen des Nahostkonflikts, in unmittelbarer Nähe der umkämpften heiligen Stätten der drei großen Religionen Judentum, Islam und Christentum. Dort arbeiten Sie, verehrter Abt Benedikt, mit den Mönchen des Klosters. Seit den 70er Jahren können deutschsprachige Studenten bei Ihnen ein theologisches Studienjahr absolvieren. Sie haben ein Gästehaus in der Nähe des See Genezareth eingerichtet, in dem behinderte und kriegsversehrte Jugendliche - natürlich Angehörige aller Religionen gemeinsam - sich erholen können. Seit etwa neun Jahren leiten Sie nun schon das Benediktinerkloster Hagia Maria. Ich habe es selbst kennengelernt bei einem interreligiösen Dialog. Und ich erinnere mich an die besondere Atmosphäre der Offenheit und Geborgenheit, der Freiheit des Weltbürgertums und des stillen Gebets, die in den Mauern des Klosters herrschen.

Es sind diese interreligiösen Initiativen, das Suchen nach einem tieferen tragbaren Grund des Friedens, die den Boden mit bereitet haben für die Genfer Friedensvereinbarung.

Die Genfer Vereinbarung

Am 1. Dezember des letzten Jahres ist in der Schweiz die "Genfer Initiative" unterzeichnet und der Öffentlichkeit präsentiert worden. Unter der Federführung von Yossi Beilin, dem ehemaligen israelischen Justizminister und Yaser Abed-Rabbo, dem ehemaligen palästinensischen Informationsminister haben israelische und palästinensische Politiker, Militärs und Intellektuelle zwei Jahre lang verhandelt und schließlich dieses einmalige Papier vorgelegt. Es hat schon einige Vorschläge zur Klärung des Nahost-Konflikts gegeben. Welche Qualität muß ein neuer Plan also haben, um jetzt Hoffnungen wecken zu können? Die "Genfer Vereinbarung" sticht durch einige Aspekte aus der Masse der bisherigen Vorschläge heraus:

1.Sie erfüllt die Grundvoraussetzung eines jeglichen erfolgversprechenden Planes, nämlich dass sie von den beiden betroffen Seiten gemeinsam ausgehandelt worden ist. Und zwar handelt es sich auf israelischer Seite um Politiker der Arbeiterpartei, hochrangige Militärs, sogar ein ehemaliger Mossad-Chef und Verhandlungspartner von früheren Friedensabkommen sind dabei. Intellektuelle und Schriftsteller wie Amos Oz und David Grossmann, der frühere Botschafter Avi Primor, Mitglieder der Friedensbewegung und Wissenschaftler unterstützen die Initiative. Auf palästinensischer Seite haben ehemalige Minister der Autonomiebehörde, Wissenschaftler aus den Bereichen Geographie, Archäologie, Juristen, ja sogar der Vertreter der Führung der ersten Intifada und ein General des Sicherheitsdienstes in der Westbank an dem Vertragswerk mitgearbeitet. Arafat und Qureia sollen von Anfang an über die Gespräche informiert und damit einverstanden gewesen sein. Diese Zusammenarbeit bedeutet auch, dass die Palästinenser erstmalig das Recht der Juden auf einen eigenen Staat anerkennen.

2.Das einzigartige der "Genfer Vereinbarung" aber ist vor allem, dass mit ihr ein detaillierter Plan vorgelegt wird, der für alle Einzelheiten des Friedensschlusses einen durch Vertreter beider Seiten ausgehandelte Lösung anbietet – ein Ziel, nicht nur den Anfang eines Weges. Bisher kannte man nur Pläne, die grobe Richtungen vorgaben und Termine zur Lösung der schwierigen Fragen festsetzten, ohne konkrete Vorschläge zu wagen.

In den Jahrzehnten des Nahostkonflikts haben sich vier Kernprobleme herauskristallisiert, die unlösbar scheinen, die Empfindlichkeiten der beteiligten Parteien im innersten treffen und die nie jemand anpacken konnte, weil es hier um Kompromisse geht, die nur die Beteiligten selbst aushandeln können. Diese vier Probleme sind: die Zukunft der jüdischen Siedlungen im Westjordanland und im Gaza-Streifen; die Zukunft der palästinensischen Flüchtlinge; der Status von Jerusalem und die gegenseitige Anerkennung des israelischen und des palästinensischen Staates.

Was sagt die "Genfer Vereinbarung" zu diesen vier Kernpunkten? Sie schlägt radikale Kompromisse vor.

Mit den Siedlungen soll folgendermaßen verfahren werden: Es gelten die Grenzen vom 4. Juni 1967, also vor dem Sechstagekrieg. Sämtliche Siedlungen in den besetzten Gebieten werden aufgegeben und in benutzbaren Zustand an die Palästinenser übergeben.

Die Flüchtlingsfrage wird auf der Basis der Resolutionen 194 der UN-Generalversammlung und 242 des UN-Sicherheitsrates sowie des Vorschlag der arabischen Friedensinitiative behandelt. Das heißt, dass die Flüchtlinge ein Recht auf Kompensation für ihr Flüchtlingsdasein und den Verlust von Eigentum haben. Dafür wird ein internationaler Entschädigungsfonds eingerichtet. Israel kann von seiner Einzahlungssumme den Wert der auf- und übergebenen Siedlungen abziehen. Die Flüchtlinge können hinsichtlich ihres Bleiberechts zwischen mehreren Optionen wählen: sie können sich im Staat Palästina, in Gebieten, die im Rahmen des Gebietsaustauschs von Israel an den Staat Palästina übergehen, in Drittstaaten, in momentanen Gaststaaten und in Israel niederlassen. Bei letzterer Option hat Israel die Entscheidungsgewalt und soll sich an den durchschnittlichen Aufnahmemengen von Drittstaaten orientieren. 

Jerusalem wird für beide Staaten die Hauptstadt, die Souveränität wird geteilt. Ein interkonfessionelles Gremium zur Lösung aller religiösen Fragen wird eingerichtet – und hier stoßen wir ganz unmittelbar auf das, was in ihrem Haus an guter Tradition gesät wurde. Es herrscht Freiheit der Religionsausübung. Auf dem Tempelberg  (Haram al-Sharif) soll es eine multinationale Präsenz geben: das Plateau unter palästinensischer und die Klagemauer unter israelischer Aufsicht; es wird dort keine Ausgrabungen bzw. Bauunternehmungen geben ohne Zustimmung der israelischen und er palästinensischen Seite. Die muslimischen, armenischen und christlichen Teile der Altstadt sollen zu Palästina und das jüdische Viertel zu Israel gehören. Die jüdischen Stadtteile in Ostjerusalem werden aufgegeben.

Palästina und Israel werden nach der "Genfer Vereinbarung" ihre Souveränität gegenseitig anerkennen und normale diplomatische Beziehungen miteinander aufnehmen.

Die Implementierung und Lenkung des Friedensprozesses wird durch verschiedene Gremien und Schlichtungsmechanismen begleitet, die stets durch beide Parteien besetzt und entschieden werden.

Dies sind nur die vier wichtigsten Bereiche, die dieser Friedensplan regeln will. Beiden Seiten werden dabei unendlich schwierige Kompromisse abverlangt. Aber das besondere ist: all diese Punkte sind machbar.

Und ich weiß: In Ihrem Kloster wird all dies mit Gebeten für den Frieden, und dass er erhalten und wachsen möge, begleitet werden.Öffentlichkeit II

Seit ihrer Unterzeichnung Ende letzten Jahres wird die "Genfer Vereinbarung" auf der ganzen Welt diskutiert. Natürlich ist sie nur ein Anfang, denn sie wurde nicht zwischen Regierungen, sondern zwischen privaten Bürgern ausgehandelt.

Aber der Plan hat das Zeug dazu, den gesellschaftlichen Willensbildungsprozess der Palästinenser und der Israelis neu in Gang zu setzen. Ist erst einmal die Zivilgesellschaft überzeugt, kann sie Druck auf ihre beiden Regierungen ausüben und den Friedensprozess wieder weiter vorantreiben. Es wäre nicht das erste Mal in unserer Geschichte, dass am Ende die Zivilgesellschaft und individueller Mut einen friedlichen Weg für scheinbar unlösbare Fragen vorwärtsgetrieben hätte. Der Zusammenbruch des Ostblocks und die damit verbundene Beendigung des Kalten Krieges ist ein Beispiel, das uns dazu als erstes in den Sinn kommt.

Die Ehrung für Abt Benedikt Lindemann und sein Projekt in Jerusalem

Aber nun zurück zu Ihrer Initiative, verehrter Abt Benedikt. Ihre Arbeit, Ihre Vermittlung zwischen den Kulturen, Philosophien und Religionen, Ihre echte Freundschaft zu den Mitmenschen anderer Glaubensrichtungen hat den Prozess begleitet, der eine neuen hoffnungsvollen Vorstoß im Nahen Osten erst möglich gemacht hat. Ohne ruhige und offenherzige Orte wie Ihr Kloster ist ein Friedensprozess doch gar nicht vorstellbar.

Ihr neuestes Projekt ist die Begegnungsstätte "Beit Benedikt": Eine Friedensakademie bietet dort ein Forum für junge Leute, Theologen, Pädagogen und Journalisten, Juden, Moslems und Christen. Zu Vorträgen und verschiedenen Veranstaltungen kommen die Menschen dort gewissermaßen auf fast neutralem Boden abseits von den Aggressionen und der Gewalt draußen zusammen.

Abt Benedikt, Sie geben den Menschen in Israel, die die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben noch nicht aufgegeben haben, einen Ort zum Austausch und zur Verständigung. Sie halten Ihr Haus offen für alle ohne Ansehen ihrer Religion in einem Land, in dem der Ausnahmezustand herrscht. Für diese Arbeit "im Kleinen", in der Tiefe,  die aber den großen Friedensinitiativen in nichts nachsteht, sie viel eher tatkräftig unterstützt, möchten wir Sie heute mit der Überreichung des Göttinger Friedenspreises ehren.

Ich gratuliere Ihnen und wünsche Ihnen noch viel Kraft und Zähigkeit und Friedfertigkeit auf Ihrem steilen und steinigen Weg.

 Begründung - Rede des Preisträgers

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