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Laudatio Prof. Hans Küng Göttingen – 9. März 2002
Sehr geehrter Herr Professor Küng, meine sehr geehrten Damen und Herren
als evangelische Bischöfin eine Laudatio auf Hans Küng halten? Kann ich das wagen oder wird das vielleicht von einigen als Affront verstanden? Bin ich als jüngere dazu in der Lage oder sind da nicht echte Weggenossen geeigneter? Ich habe mich über die Anfrage gefreut und spontan ja gesagt. Und zwar nicht aus Langeweile, sondern aus Respekt einer Christin gegenüber der Leistung, der Beharrlichkeit und dem Mut eines anderen Christen.
1977 kam ich 19-jährig nach Tübingen. Eigentlich nicht der ideale Ort, mit dem Theologie-Studium zu beginnen, aber das wusste ich nicht, ich hatte weder von Theologie noch vom Studieren eine Ahnung. Und das waren bewegte Zeiten in Tübingen. Im Juni war die Tochter von Ernst Käsemann in Argentinien ermordet worden - die Gerechtigkeitsdebatte, Militärdiktaturen in Südamerika, Rüstungsexporte, das stand auf der Tagesordnung von ESG, KHG und anderen. Nach dem Selbstmord von Ulrike Meinhof, nach Schleyerentführung und Mogadischu nahmen sich in jenem Herbst Gudrun Ensslin, Andreas Bader und Jan-Karl Raspe in Stammheim das Leben. Die Leichen kamen in die Pathologie, nur einen Steinwurf vom Theologicum entfernt – unser Land, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, das wurde diskutiert. Aus kleinstädtischem und kleinbürgerlichen Milieu kommend kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Bewegte Zeiten, in denen Jürgen Moltmann „Theologie nach Auschwitz“ las und Eberhard Jüngel „Schöpfungstheologie“. Und dann bekam ich einen „heißen Tipp“: du musst mal bei den Katholiken hören, da ist einer, der rebelliert gegen den Papst!“. Das hörte sich doch spannend an und so habe ich im Sommersemester’78 dann bei Hans Küng in der Vorlesung gesessen über “Das apostolische Glaubensbekenntnis.“ Ich gestehe, dass ich mich nicht exakt an den Inhalt erinnere und trotz allen Stöberns meine Mitschriften nicht mehr gefunden habe. Aber an diese Stimme mit dem melodischen Schweizer Akzent und an die Klarheit der Aussagen, erinnere ich mich gut. Es war möglich zu verstehen, mitzudenken – und das ging mir in diesen ersten Semestern gewiss nicht immer so!
Sehr geehrter Herr Professor Küng als „kleine Studentin“ konnte ich aus der Ferne verfolgen, was Sie als die vier schlimmsten Monate Ihres Lebens bezeichnet haben (vom 18. Dezember 1979 bis zum 10. April 1980), die Sie, wie Sie sagen, auch Ihrem erbittertsten Gegner nicht wünschen würden. Bei der Pressekonferenz am 10.April gemeinsam mit Universitätspräsident Adolf Theis und Walter Jens führten Sie aus: „Ungeachtet der inneruniversitären Lösung also bleiben die grundsätzlichen Fragen bestehen, und die Auseinandersetzungen werden nicht aufhören: Es bleibt die von Rom und den Bischöfen nach wie vor unbeantwortete Frage nach ihrer Unfehlbarkeit, Es bleibt die Frage nach einer heute glaubwürdigen christlichen Verkündigung in Kirche und Schulde. Es bleibt die Frage nach der Verständigung zwischen den Konfessionen und nach der gegenseitigen Anerkennung der Ämter und Abendmahlsfeiern. Es bleibt die Frage nach den drängenden Reformaufgaben: von der Geburtenregelung über Mischehen und Ehescheidung bis hin zur Frauenordination, Zwangzölibat und dem daraus folgenden katastrophalen Priestermangel.“ Besonders die Frage nach der Frauenordination hat mir verständlicher Weise eingeleuchtet. Aber heute als Bischöfin einer lutherischen Kirche steht es mir nicht zu, Kritik an den Überzeugungen und Strukturen einer anderen Kirche zu üben. Und die Frage nach der glaubwürdigen Verkündigung heute beschäftigt zudem gewiss auch unsere evangelischen Kirchen in Deutschland vehement!
Solche Kritik muss von innen kommen und deshalb ist es gut, dass Sie trotz aller Verletzungen in ihrer Kirche geblieben sind. Sie haben die Gabe, zu formulieren und auf den Punkt zu bringen, was viele römische Katholikinnen und Katholiken umtreibt. Ja, die Fragen bleiben bis ins Jahr 2002. Und die Hoffnung auf Veränderung auch mit Blick auf Abendmahlsgemeinschaft, sie scheint mir manchmal zu verdorren, weil sie so wenig getränkt werden – aber auch ich will sie keinesfalls aufgeben.
Lieber Herr Küng, Sie haben offen zu Ihrer Überzeugung gestanden und, dass darf ich als Lutheranerin hier vielleicht sagen, mich doch auch an Luther in Worms erinnert: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Gewiss habe ich damals auch Stimmen gehört, die sagten: „Wenn er sich so mit der katholischen Kirche anlegt, muss er mit diesen Konsequenzen eben rechnen!“ Aber das haben Sie ja mit Luther bei allen Unterschieden ja gemein: auch er wollte keine neue Kirche gründen, sondern seine eigene, die römisch-katholische Kirche reformieren. Ihre Erfahrung war: Unerschütterliche Standfestigkeit im eigenen Glauben und unbeschränkte Dialogfähigkeit gegenüber Menschen anderen Glaubens sind komplementäre Tugenden.
Und damit kommen wir zu dem Projekt, für das Hans Küng heute geehrt wird: dem Projekt Weltethos. Es hat sich über lange Jahre entwickelt und die Beharrlichkeit in den Auseinandersetzungen Ende der siebziger und Anfang der achziger Jahre, die wird in diesem Projekt wahrhaft benötigt. Gut, dass Sie sie eingeübt haben! Schon 1964, auf einem Nationalkongress christlicher Theologen in Bombay, stellte Hans Küng fest: die Wahrheit des Evangeliums und die Wahrheit der Weltreligionen lassen sich dialektisch zueinander in Beziehung bringen. Christliche Identitätsfindung schließt nach Küng ökumenische Konsensbildung nicht aus, sondern ein, und die praktische Konsequenz für Christen ist damit für ihn: Verständnis, Verbundenheit, Verpflichtung der Kirche als der Minderheit gegenüber den Angehörigen der Weltreligionen als der Mehrheit der Menschheit. Das Buch „Christ sein“ von 1974 ist dabei offensichtlich ein Markstein für das spätere Dialogkonzept in Tübingen mit seinen öffentlichen Dialogen mit wissenschaftlichen Vertretern von Islam, Hinduismus, Buddhismus, chinesischer Religion und Judentum und dann auch mit Religionsvertretern in allen Kontinenten dieser Erde. Leitfragen waren: Was ist der Christenmensch, was die Kirche, wer der Christus und schließlich, wer ist Gott? Hans Küngs historisch-systematische Arbeiten in den 70er Jahren waren weitere Vorarbeiten für das Projekt „Weltethos“. Er hielt damals fest, die Alternative zum Nihilismus sei für ihn ein vernünftiges Ur- oder Gottvertrauen, das Christen oder Nichtchristen, Theisten oder Atheisten möglich ist. Ein solches Grundvertrauen, dass nicht notwendig Gottesglaube zu sein hat, als unabdingbare Voraussetzung für ein echt menschliches, humanes, moralisches Leben, wie es jedem Menschen, eben auch Atheisten, möglich ist. Ein autonomes Ethos also, im Sinne einer Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des Menschen, ein Grundvertrauen als Grundlage für ein Grundethos.
Bei seinen Studien und Erfahrungen kam Hans Küng zu dem Schluss, dass sich, bei allen nicht zu unterschätzenden Unterschieden in Glauben, Lehre und Ritus auch Ähnlichkeiten, Konvergenzen, Übereinstimmungen zwischen den Weltreligionen feststellen lassen: Alle Menschen sind vor dieselben großen Fragen gestellt, die Urfragen nach dem Woher und Wohin von Welt und Mensch, nach der Bewältigung von Leid und Schuld, nach den Maßstäben des Lebens und Handelns, dem Sinn vom Leben und Sterben. Alle Religionen sind zugleich Heilsbotschaft und Heilsweg, alle Religionen vermitteln eine gläubige Lebenssicht, Lebenseinstellung und Lebensart, und sie vermitteln bei allen dogmatischen Unterschieden doch einige gemeinsame ethische Maßstäbe. Diese Beobachtungen wurden Küng zur Leitfrage der 90er Jahre: was ist dieses gemeinsame Grundethos?
Schon 1988 schrieb Küng: „ gerade die Verbundenheit im Ethos könnte zu einem einigenden friedenstiftenden Band der Völkergemeinschaft werden, könnte beitragen zu einem freieren, gerechteren, friedlicheren Zusammenleben in unserer zunehmend unbewohnbar werdenden Welt.“ (aus: Epilog zum Buch über die chinesische Religion von 1988). Von hier ausgehend und in Analogie zu Weltpolitik, Weltwirtschaft, Weltfinanzsystem prägte Küng den Begriff „Weltethos“. Er soll nicht bindend christlich verstanden werden, sondern in einem neuen interreligiös-interkulturellem Sinn. Gläubige aller Religionen und Nichtgläubige in allen Kulturen sollen hier ihr Gemeinsames finden. Es geht um ethische Basisstandards, die von allen bejaht werden können. Zwei Grundprinzipien für ein humanes Ethos werden benannt: Jeder Mensch soll menschlich und nicht unmenschlich behandelt werden, und die sogenannte goldenen Regel, was du nicht willst, das man dir tut, das tue auch nicht den anderen. Vier unverrückbare Weisungen bezüglich derer, die großen religiösen und philosophischen Traditionen übereinstimmen werden bekannt: 1. Habt Ehrfurcht vor dem Leben. Die uralte Weisung: Du sollst nicht töten, verstanden in der heutigen Zeit als Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben. 2. Handle gerecht und fair. Die uralte Weisung: Du sollst nicht stehlen, verstanden heute als Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung. 3. Rede und handle wahrhaftig. Die uralte Weisung: Du sollst nicht lügen, verstanden heute als eine Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit. 4. Achtet und liebet einander. Die uralte Weisung: Du sollst Sexualität nicht missbrauchen, verstanden heute als eine Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.
Eine wirkliche Versuchung, zu einer anderen Religion überzutreten, die manchmal bei im interreligiösen Dialog Engagierten festzustellen ist, hat es für Hans Küng bei allem Respekt, aller Bewunderung für die anderen Religionen nicht gegeben. Er hat es für sich auf die Formel gebracht: „In der Nachfolge Jesu Christi kann der Mensch in der Welt von heute wahrhaftig menschlich leben, handeln, leiden und sterben: In Glück und Unglück, Leben und Tod, gehalten von Gott und hilfreich den Menschen.“ Das ist wohl eine Art Liebeserklärung an die eigene Religion...
Das Projekt „Weltethos“ steht im Dienst einer weltweiten Verständigung zwischen den Religionen mit dem Ziel eines gemeinsamen Menschheitsethos, das allerdings die Religion nicht ablösen soll. Ethos ist und bleibt, so sagen Sie, nur eine Dimension innerhalb der einzelnen Religionen und zwischen den Religionen. Sie wollen keine Einheitsreligion, kein Religionencocktail und kein Religionsersatz durch ein Ethos. Das ist mir wichtig, da ich von „Religionsmischmasch“ gar nichts halte. Vielmehr geht es um ein Bemühen um den dringend erforderlichen Frieden zwischen den Menschen aus den verschiedenen Religionen dieser Welt. Seine Vision hat Hans Küng in vier Sätzen zusammengefasst: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, kein Friede unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen, kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Maßstäbe, kein Überleben unseres Globus ohne ein globales Ethos, ein Weltethos.“
Konkrete Impulse für die Anwendung des Projektes „Weltethos“ auf die Wirklichkeit in Politik und Wirtschaft gibt das jüngste Buch „Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft“, ein Zukunftsentwurf auf der Grundlage eines gemeinsamen Menschheitsethos. Es geht um einen neuen Sinn für Verantwortung, um eine Politik aus Verantwortung, welche die immer wieder neu zu findende schwierige Balance zwischen Idealen und Realitäten zu verwirklichen sucht, und um eine Wirtschaft aus Verantwortung, welche ökonomische Strategien mit ethischen Überzeugungen zu verbinden weiß. Zur Politik werden wir gleich noch einen eigenen Vortrag hören. Hinsichtlich der Wirtschaft konnte ich beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in New York, zu dem Sie vergangenes Jahr in Davos waren, erfahren, dass es Gesprächsbereitschaft gibt. Spätestens seit dem 11. September ist offensichtlich: wir brauchen gemeinsame Maßstäbe, um einen „clash of civilisations“ zu verhindern. Das wissen auch Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft. Für den Dialog mit ihnen empfinde ich dieses jüngste Buch als ungeheuer hilfreich.
Nun sind die in den Broschüren beschriebenen Aufgaben der Stiftung Weltethos zunächst ein Ringen um intellektuelle Verständigung. Ihr Ziel werden sie erst dann erreichen, wenn sie ganz konkrete Auswirkungen für die sozial Benachteiligten, für Menschen in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, für Menschen, die sich nach Frieden sehnen im Nahen Osten, in Afghanistan, in Indien, in Nordirland, in Kolumbien, in Simbabwe und an so vielen anderen Orten der Welt. Als Aufgaben der Stiftung werden genannt: 1. Durchführung und Förderung interkultureller und interreligiöser Forschung,
2. Anregung und Durchführung interkultureller und interreligiöser Bildungsarbeit.
3. Ermöglichung und Unterstützung der zur Forschungs- und Bildungsarbeit notwendigen interkulturellen und interreligiösen Begegnung.
Es wird darum gehen, dass diese Ansätze wirklich Auswirkungen im Alltag der Menschen haben und zum Zusammenleben der Religionen, der Menschheit beitragen. Dazu müssen sie geerdet werden bei denen, die um Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ringen.
Lieber Herr Küng, Ihr römischer Spiritus Rector gab Ihnen das Wort aus dem Römerbrief (8,28) mit auf den Weg: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ Alle Dinge, betonte er immer wieder, wie Sie sagen, auch die weniger guten, schlimmen, bösen. Dieses Vertrauen hat Sie durch alle kritischen Phasen hindurchgetragen und Ihnen ein stetes Beharrungsvermögen gegeben, ja die Kraft und den langen Atem für Visionen. Und Visionen brauchen wir für die Zukunft der Welt, der Menschheit, der Religionen, der Kirchen. Wir hoffen, dass Religionen nun endlich nicht länger ein Faktor der Konfliktverschärfung sein werden, sondern einen genuinen Beitrag zur Konfliktentschärfung, zur Versöhnung leisten. Deshalb danken wir Ihnen heute ganz ausdrücklich mit dieser Preisverleihung. Ich wünsche Ihnen von Herzen Gottes Segen.
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