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Meine Damen und Herren, liebe Kinder
Der Göttinger Friedenspreis der Dr. Roland Röhl Stiftung ist eben an mich gegeben worden. Ich freue mich und bin dankbar.
Als diesjährige Preisträgerin möchte ich nach Absprache mit dem Kuratorium über meine Erfahrungen als Ärztin bei humanitären Einsätzen berichten. Leider bin ich in Rhetorik nicht geübt; als Ärztin liegt mir das persönliche Gespräch mehr. Ich hoffe, es geht gut.
Was hat mich zum allerersten Einsatz bewogen?
1980, ich war 48 Jahre alt, berichtete Franz Alt in einer journalistisch hervorragenden Art im Fernsehen über das schreckliche Flüchtlingselend in Somalia, bedingt durch die Eskalation des Krieges zwischen Äthiopien und Somalia um den Ogaden. 1 1/2 Millionen Menschen aus dem Ogaden wurden heimatlos gemacht. Die Bilder von ausgezehrten, sterbenden Menschen in glühender Sonnenhitze haben mich aus meinem Sessel gerissen. Da muß ich helfen, war mein Gedanke und wurde unterstützt durch meine 3 Töchter, die mein Argument, ich sei zu alt, entkräfteten. Unbürokratisch und schnell wurde ich von Neudecks in ihrem Wohnzimmerbüro im Reihenhaus in troisdorf auf meinen Einsatz hin unter die Lupe genommen und flog dann über Mogadishu in den Norden Somalias nach Hargeisa an der Grenze zum Ogaden; und es begann mein erster humanitärer Einsatz, dem 4 weitere folgen sollten. Da hier mein persönliches Erleben von all dem Elend dort wo wichtig für mein weiteres Leben wurde, stelle ich Ihnen einiges von meiner Arbeit dort anhand meines Tagebuches vor:
6. Oktober: eben zurück, heute war der heißeste Tag in jedem Sinne, Temperaturen 35 bis 40 Grad im Zelt, wahnsinnig viele Pneumonien, darunter bestimmt einige offene Tuberkulosen, Verbrennungen, Krätze, vereiterte Hautausschläge, eine Schußwunde, eitrige Otitis, Anämieen, viele schreckliche Durchfälle mit Dehydrierung, einen Armgips mit Schweizer Taschenmesser abgenommen, puh, harte Arbeit! Draußen und drinnen kaum auszuhalten. Sterilität ist völlig unmöglich, überall Sand und Fliegen, Abscesse spalten und Fremdkörper entfernen -, aller ohne Betäubung. Ich bin manchmal schier verzweifelt, daß man nur eine so unzureichende Hilfe medizinisch geben kann. Sicher, es wird vielen geholfen, und Allah macht auch viel. Aber das medizinische und menschliche Elend ist groß.
10. Oktober: kurz bevor wir heute fahren wollen, kommt eine Flüchtlingsfrau aus dem Ogaden, 21 Tage unterwegs, Mann und restliche Kinder in alle Winde, Guri verbrannt, auf dem Arm ein 5 Monate altes Kind, Gewicht wie Neugeborenes, fast schon tot, dazu Pneumonie. Jochen legt eine Infusion an und sagt der Mutter, daß es schlimm aussieht, man es aber versuchen wolle. Die Mutter wirkt wahnsinnig beherrscht, auch als sie Milch zu trinken bekommt. Sie bleiben beide im inpatient Zelt, bekommen eine Decke. Ob das Kind den morgigen Tag überlebt? ----- Nachtrag: nach 2 Tagen ist es verstorben.
16. Oktober: seit heute mittag haben wir ein Komiteekind, ein Kind aus dem Busch kam ins Krankenhaus. Dort wird aber nichts getan. Wir haben es geschenkt bekommen. Es liegt klapperdürr mit Magensonde auf der Bank im Wohnraum. Eben haben sie ihm den Namen Anisa Sarah gegeben. Das ist alles so anders, ein Menschenleben scheint hier wenig zu bedeuten. ----- Späterer Nachtrag: Anisa ist gestorben und im Krankenhausgarten beerdigt.
17. Oktober: Farah hat mir von einem beinamputierten Mädchen mit dreijähriger unehelicher Tochter und sechsjähriger Schwester erzählt, die fast nichts haben. Ein Kind vor der Ehe ist für eine moslemische Frau ganz schlimm. Gestern war ich bei ihr, schrecklich! Sie hausen in einer winzigen Ecke in einer Wellblechbaracke, kein Hausrat außer einer Konservendose und einem Topf, sie schläft auf dünner Matte auf der Erde, keine Decke, und das in den so sehr kalten Nächten. Es ist zum Heulen. Ich werde morgen für sie einkaufen, ----- Dann bin ich mit Jussufs Guri gegangen. Jussuf ist ein gewitztes Kerlchen, das bei uns stundenlang mithilft, vor allem im feeding Zelt. Er kann schon viel Englisch verstehen. Bei ihm wäre eine Art Stipendium für die Privatschule im Camp zu überlegen. Für 2 Jahre wären das 480 somalische Schilling, etwa 160 DM. Mal sehen, ob ich das hinkriege.
8. November (in der Focker Friendship nach Mogadishu): ein herzlicher Abschied liegt hinter mir. Ich fühle mich richtig glücklich, die Arbeit hier zu meiner eigenen Freude und zur Zufriedenheit der anderen getan zu haben. Es war schön, daß ich helfen konnte. Die Somali mit ihrer Herzlichkeit, Natürlichkeit, naiven Zuwendung und Fröhlichkeit kennenzulernen, war ein Gewinn. Ich habe mich geübt in verständnisvollem Umgang mit fremder Kultur, ich habe gelernt, mit primitven Hilfsmitteln verzwickte Situationen zu meistern, mich mit einem Becher Wasser zu waschen, einschließlich der Zähne! Durst zu haben, Hitze zu widerstehen ohne großes Gestöhne, meinen eigenen shuban (Durchfall) für mich, ohne krank zu machen, zu ertragen. Ich habe sogar gelernt, in einer WG garnicht mal unglücklich zu leben, wobei unserem gesamten team viel an Rücksichtnahme und Verständnis abverlangt wurde. Ich freue mich auf zu Hause. So viel zu meiner Arbeit in Somalia.
1987 dann Manila und 1989 Einsatz in Mindanao, jetzt mit der Organisation Ärzte für die 3. Welt, die ein sog. 6-Wochenprogramm anboten. Länger als 6 Wochen sollte ein Arzt in eigener Praxis, schon aus Solidarität zu seinen Patienten, nicht weggehen; auch Assistenten in Kliniken bekamen zu der Zeit, und heute erst recht nicht, längeren Urlaub für humanitäre Arbeit. Die Organisation war gut: man arbeitete jeweils überlappend 3 Wochen, sodaß der Informationsfluß klappte. Alle Ärzte arbeiten unentgeltlich, auch heute noch.
In den Slums von Manila arbeitete ich im team in Gebieten mit den Namen: Blue sky, Happyland, smoky mountains oder Aroma beach. Vergleichbar mit Potemkinschen Dörfern verbirgt sich hinter diesen poetischen Namen das schrecklichste alltägliche Elend von hunderttausenden von Menschen, die in Wellblechbaracken, geflickten Zelten, abgewrackten Containern, aus Abfall gebastelten Hütten in verschlammten und kotübersäten Straßen ihr Leben fristen. Kinder und Erwachsene suchen in rauchendem Müll nach noch Verwert- und Eßbarem, zur gleichen Zeit mit Ratten, Katzen und Hunden. Für mich war es unbegreiflich, wie geduldig diese Menschen ihre Not ertragen, in dieser tristen Gegenwart mit einer ungewissen Zukunft. Unser team hat ärztlich gearbeitet, d.h. Sprechstunden an verschiedenen Orten im Slumgebiet abgehalten. Ein Slumbewohner kann sich keinen philippinischen Arzt leisten. Eine Sozialversicherung gibt es nicht.
Aus Zeitgründen kann ich nicht auf Einzelheiten eingehen. Ich kann nur von mir nach diesem Einsatz sagen, daß ich über mich verwundert war, daß ich bei all diesem hoffnungslosen menschlichen Elend nicht einen Augenblick das Gefühl hatte, erschüttert zu sein. Es lag vielleicht an diesen freundlichen, geduldigen, fröhlichen Menschen, geprägt von einem kindlichen Glauben wie tiefen Glauben.
Zu Mindanao nur kurz: Ich nahm teil an einer Impfkampagne, bei der ich täglich etwa 150 gesunde, quicklebendige, fröhliche Kinder impfte gegen Tbc, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten und Polio, anschließend in der Regel Sprechstunde. Der Arbeitsplatz wechselte täglich, was die Sache natürlich noch interessanter machte: in den Bergen, total abseits von jeglichem Verkehr, am Meer zwischen Fischerbooten oder an einem urlaubsgeeigneten Urlaubsstrand, im Schlachthofgelände, in slums, in Kirchen, auf Schulhöfen, auf dem Baketball Platz direkt am highway, oft unter Mangobäumen oder im Palmenwald. Ärzte für die 3. Welt hatte inzwischen ein Krankenhaus gebaut, was die ärztliche Arbeit erleichterte.
1991 hatte ich den Flugschein schon in der Tasche für einen 6-Wochen-Einsatz in Kalkutta. Ich bekam eine plötzliche massive Lungenembolie, aus der man mich ins Leben zurückholte; sonst stünde ich nicht mehr hier. Ich bekam striktes Reise- und Einsatzverbot.
1999, wie auch schon Jahre zuvor, eskalierten Unterdrückung, Repressalien und Vertreibung von Kosovaren aus ihrem Land. Ein Flüchtlingsstrom ergoß sich nach Mazedonien. Es gab bei uns Aufrufe für Spenden und Hilfe. Ich rief Ostermontag bei Christel Neudeck an: "Braucht ihr nur Geld oder auch Ärzte?" "Auch Ärzte" "Wann?" "Am liebsten morgen". Dank meines jungen Kollegen in der inzwischen gegründeten Gemeinschaftspraxis flog ich nach 2 Tagen mit einer Bundeswehrmaschine nach Skopje. Die Flüchtlingslager in Mazedonien waren nach anfänglich schlimmer Desorganisation inzwischen, dank der vielen Hilfsorganisationen, hinlänglich materiell und ärztlich versorgt. Die Lager wurden von bewaffneter Polizei bewacht; wie in einem Gefängnis durften die Menschen nicht heraus. Cap Anamur übernahm keine Arbeit in einem Lager, eröffnete 2 freie Lager in Albanien.
Drei wichtige Erfahrungen für mich aus der Zeit in Mazedonien greife ich heraus: 1. die Berichte der Flüchtlinge über Erschießungen, Mißhandlungen, Brandschatzungen und Plünderungen und die Vertreibung waren erschütternd. Ich konnte da nur zuhören und dadurch vielleicht ein wenig helfen. 2. Beeindruckend war die Solidarität der mazedonisch-albanischen Familien für die geflüchteten Kosovoalbaner. Sie hier alle in der Aula hätten nach diesem Vorbild zwischen 5 und etwa 20 Flüchtlinge in Ihre Wohnung oder in Ihr Haus aufgenommen, ungeachtet der schnell schwindenden Vorräte an Nahrungsmitteln. Die Mutter meines Dolmetschers Florent kochte für 25 Personen. Cap Anamur hatte sich entschieden, diese Großfamilien - es waren dann etwa 60 000 Menschen - mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen in Zusammenarbeit mit der kosovarischen Hilfsorganisation "Mutter Teresa". Meine 3. Erfahrung soll eine kurze Tagesbuchnotiz einleiten vom letzten Tag in Mazedonien: Mein Job bei Cap Anamur war kein Traumjob, aber notwendig! Ende des Zitats. Ich mußte mehr pharmazeutisch als ärztlich arbeiten, und zwar im Rahmen der Familienbetreuung die überforderten mazedonisch-albanischen Ambulanzen mit aus Deutschland eingeflogenen medizinischem Material versorgen. Ich kam mir oft wie ein pharmezeutischer Lagerarbeiter vor; aber Pakete mit Verbandsmaterial, Spritzen und Kanülen packen, Medikamente auswählen und Pillen zählen in kleine Plastiktütchen hinein kann auch Spaß machen. Schließlich hatte ich eine Liste von 35 zu versorgenden ärztlichen Ambulanzen, teilweise in abgelegenen Bergdörfern, in die die Kosovaren übers Gebirge in tiefem Schnee geflüchtet waren. ----- Ich berichte Ihnen von dieser mich wenig begeisternden Arbeit, um zu zeigen, daß Flexibilität bei derartigen Einsätzen gefragt ist.
Beeindruckend war der Wille der meisten Flüchtlinge, so lange auszuharren, bis sie in den befreiten Kosovo zurückkehren können. Ich versprach, irgendwann auch dorthin zu kommen, was dann im Mai 2000 möglich wurde. Ledig aller Praxissorgen konnte ich jetzt 4 Monate lang im Kosovo arbeiten mit Cap Anamur.
Zu meiner Zeit war die akute Not schon etwas gemildert. Cap Anamur baute, wie schon in den zwei vor dem Natokrieg zurückliegenden Jahren, Häuser und Dächer neben weiteren wichtigen Hilfsleistungen. Ich habe in Dorfambulanzen, die von unserer Organisation gebäudemäßig instand gesetzt worden waren, Sprechstunden abgehalten. Außerdem war ich verantwortlich für die medizinisch- technische Neueinrichtung einer Poliklinik in Malishevo, wo es zunächst schlicht darum ging, die Wasser- und Stromversorgung sicher zu stellen. Auch aus dieser Einsatzzeit könnte ich Ihnen ein abendfüllendes Programm bieten. Somit kurz die wesentlichen Erfahrungen:
1. Die Kosovaren waren alle glücklich, wieder in ihrer befreiten Heimat sein zu können. Viele engagierten sich sehr für Wiederaufbau und Herstellung von Recht und Ordnung, was dringend erforderlich war und noch ist.
2. In der Sprechstunde bekam ich dank guter Verständigungsmöglichkeit durch meinen ausgezeichneten Dolmetscher Besim viel mit von den Berichten der Dorfbewohner über Gräueltaten der letzten Jahre mit Flucht oder wochenlangen Ausharrens in den Wäldern. Psychosomatische Krankheitsbilder der traumatisierten Menschen waren häufig.
3. Es wuchs die Anspruchshaltung gegenüber der humanitären Hilfe. Ich muß auch das sagen, bei meinen Erfahrungen mit humanitärer Arbeit. Ich hatte zudem Mühe, das Interesse der Ärzte und einiger ihrer Mitarbeiter in der Poliklinik an der Arbeit für ihr Haus zu wecken. Inzwischen ist es meinem Nachfolger besser gelungen - ein in Deutschland lebender Kosovare. Er kann besser mit der allerdings ganz speziellen Malishevomentalität umgehen. Die Klinik ist inzwischen funktionsfähig.
4. Der Kosovo hat eine Fläche von 140 mal 80 km, und auf diesem kleinen Territorium tummelt sich die ganze Welt in Form von UNO- oder Euro-Beamten, Polizisten, Kfor Soldaten und etwa 400 Hilfsorganisationen aus aller Herren Länder. Das war interessant. Die politischen Probleme sind nicht gelöst, wie es sich gegenwärtig besonders zeigt.
5. Wir waren ein team von 5 albanischen und 5 deutschen Mitarbeitern, zufällig paritätisch: Tischler, Elektroingeneurin, Architekten, Ärztin, Koordinator und Sekretärin. Jeder wohnte dort, wo er arbeitete. Am Donnerstag kamen alle in Prishtina zusammen im Büro mit ihren Fragen und anstehenden Entscheidungen. Falls das team es z.B. richtig fand, in einem bestimmten, von einem Mitarbeiter zusammen mit der entsprechenden Gemeindekomission evaluiertem Dorf mit dem Häuserbau zu beginnen, riefen wir in Köln an und bekamen in der Regel sofort das Placet. Das war schnell und effektiv. Ohne hindernde Bürokratie arbeiten zu können, macht Spaß.
6. Die Finanzen vor Ort mußten vom Koordinator verwaltet und verantwortet werden. Für die letzten Wochen fiel mir die Aufgabe zu, was mich mehr belastet hat, als man es in Köln vielleicht wahrhaben mochte. Jedoch sitzt in Köln ein gevivter Buchhalter, dem nichts entgeht. Meine Kasse stimmte. Wir alle haben bei unserer Arbeit eine große Verantwortung den Spendern gegenüber.
Ich hoffe, aus meinem Rückblick über 5 Einsätze konnten Sie einiges an Negativem und ganz Vieles an Positivem heraushören. Man sollte mit viel Idealismus, Freude, Mut, Zivilcourage, Abenteuerlust und für mich persönlich kommt Gottvertrauen - im wahrsten Sinne des Wortes - dazu, an diese Arbeit herangehen, weit weg von jeder Dramatik, aber sich keine Illosion machen, von dem, was einen vor Ort erwartet. Ich bin dankbar dafür, daß es mir gut geht und ich solche Hilfe leisten kann. Hilfreich dabei ist mir der Rückhalt durch meine Familie und meine Freunde.
Ich habe den Preis angenommen in der ehrlichen Meinung, daß viele Andere ihn mehr verdient haben als ich. Für diese vielen Anderen und für die uns alle angehende Sache der humanitären Hilfe ist es zu begrüßen, daß der von Dr. Roland Röhl gestiftete Göttinger Friedenspreis in diesem Jahr den aktiven humanitären Einsatz herausstellt und somit auch Gelegenheit zur Publizität gibt. Ehrenamtliche Arbeit ist Mangelware geworden; ich kann nur zu dieser Arbeit ermuntern.
Der Preis ist mit 10 000 DM dotiert. Nach den jüngsten Erfahrungen scheint es angebracht, über den Verbleib von Spendengeldern zu informieren: 1/3 für Ärzte für die 3. Welt, 1/3 die Gesellschaft für bedrohte Völker mit Sitz in Göttingen und 3.333,33 DM zu Händen meiner beiden Enkelinnen Clara und Fenna zur Weiterleitung an einen Kindergarten in Darda in Nordtansania. Um Spenden zu bekommen, haben sich die beiden zusammen mit Freundinnen aus der Waldorfschule im wahrsten Sinne des Wortes die Hacken abgerannt. Den verbleibenden Pfennig nehme ich mit in meinen nächsten Einsatz.
Ich danke Ihnen.
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