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Festveranstaltung zur Verleihung des Göttinger Friedenspreises
der Stiftung Dr. Roland Röhl
Aula der Universität Göttingen, Dienstag, den 9. März 2001
Laudatio auf Frau Dr. Niemann
Dritte Preisträgerin
Ernst Kuper
Liebe Frau Dr. Niemann,
Ich freue mich ganz besonders, Ihnen heute den Göttinger Friedenspreis der Stiftung Dr. Roland Röhl auf Vorschlag der Jury der Stiftung verleihen zu dürfen. Es wird mir immer in Erinnerung bleiben, wie zurückhaltend Sie in unseren ersten Telefongespräch auf die Ankündigung reagierten. Im Grunde ist das, was wir in der Jury zuvor preiswürdig gefunden hatten, für Sie selbstverständlich. Sollten Sie überhaupt annehmen? Gleichzeitig wurde klar: Es geht sicher um die Person, aber auch zugleich um eine Haltung, die hervorgehoben werden soll.
Wenn ich das aus meiner Kenntnis Ihrer Person so sagen darf – und wir haben uns im Vorfeld dieser Feier mehrfach ausgetauscht – Sie definieren sich in dieser Gesellschaft so, daß durch Ihre Tätigkeit gerade bei sozial und politisch Benachteiligten das Leben erst wirklich lebenswert wird. Und zwar für diejenigen, denen geholfen wird, aber auch für Sie, denn Ihnen reicht es eben nicht, die Probleme in unserer Gesellschaft wie in anderen zu beklagen, sondern diese sollen durch konkretes Handeln behoben werden. Wir wissen, daß auf solche Weise nicht alle Probleme zu lösen sind, aber im Kleinen kann man beständig Verbesserungen erreichen – man muß dies nicht nur wollen, sondern auch tun.
Auf diese Weise bauen Sie die Strukturen einer Zivilgesellschaft mit aus, die tragfähig inner- und zwischengesellschaftlich Frieden ermöglichen sollen. Frieden heißt nicht unbedingt Konsens im politischen Handeln, vielmehr ist der Diskurs um Ziele und Wege immer notwendig. Aber Voraussetzung eines offenen Diskurses ist die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Auffassungen zu leben, die entstehenden Spannungen auszuhalten, die eigenen Positionen nicht zu absolutieren und die Konflikte in Formen auszutragen, die eine offene Gesellschaft pflegen muss.
Sie haben immer versucht, sich in die Probleme der Menschen in ihrer Gesellschaft, in Familie und Gemeinde hineinzudenken. Sie konnten dadurch auf ihre Partner eingehen. Dabei geht es nicht nur um Einfühlsamkeit und Mitgefühl, sondern sicher auch um klare Äußerungen dazu, was unter gegebenen Umständen nötig ist.
Eine solche Leistung schon gar in ganz anderen Gesellschaften und mit fremden Strukturen zu erbringen, dürfte einem Einzelnen kaum möglich sein. Dies gilt in noch viel größerem Maße in Gebieten, deren politische, ökonomische und auch familiären Strukturen stark zerstört sind. Die Hilfsorganisationen, in deren Rahmen Sie tätig geworden sind, haben nicht nur ein Gerüst für Handlungsmöglichkeiten geboten, sondern sie geben auch die Möglichkeit, mit anderen gleich motivierten, das eigene Handeln zu reflektieren, sich gegenseitig in schwierigen Situationen zu unterstützen, denn der Hilfsorganisation steht in Bürgerkriegsgebieten Neutralität zwischen den Gegnern an, anderenfalls wird das Handeln sehr leicht als Parteinahme für eine Seite verstanden und ist für die andere Seite dann nicht mehr annehmbar.
Aber auch eine andere Seite der Organisation ist nicht ganz unwichtig, hilft sie doch, die Verbindung zur eigenen Heimat zu halten.
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