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Naturwissenschaftliche Zugänge zur Friedensforschung

an der Hochschule

Wolfgang Liebert

Beitrag im Namen von IANUS zur Verleihung des Göttinger Friedenspreises an die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) derTU Darmstadt

Göttingen, 9. März 2000

Liebe Angehörige von Roland Röhl, verehrte Anwesende!

Gegenwärtig erleben wir wesentliche Veränderungen, die für die Friedensforschung in Deutschland große Bedeutung haben:

- Dramatische Veränderungen sind bei der Wahrnehmung des Militärs und seinen Einsatzmöglichkeiten zu verzeichnen, die weit über den alten „Verteidigungsauftrag“ hinausgehen.

- Die internationalen Rüstungskontrollbemühungen befinden sich in einer tiefen Krise: einerseits ist die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen nicht gestoppt, eindrücklich bestätigt im Falle Indiens und Pakistans, andererseits wird das bestehende Gefüge der Nichtverbreitung durch die Blockade des Teststopps durch die USA und Bemühungen um eine Raketenabwehr, die geltende Verträge verletzen würde, erheblich gefährdet. DieAbrüstung kommt nicht voran.

- Eine erfreuliche Entwicklung: Die Bundesregierung hat sich entschlossen, eine bundesweite Förderung der Friedens- und Konfliktforschung wieder zu ermöglichen, und baut zu diesem Zweck eine Deutsche Stiftung Friedensforschung auf.

In dieser aktuellen Situation haben wir uns entschlossen, einen eher programmatischen Beitrag aus der Sicht unserer interdisziplinären, im Schwerpunkt naturwissenschaftlich orientierten Arbeit, vorzulegen.

1. Positionsbestimmung

„Frieden muss begriffen werden als ein gewaltfreier und auf die Verhütung von Gewaltanwendung gerichteter politischer Prozess. Durch ihn sollen mittels Verständigungen und Kompromissen solche Bedingungen des Zusammenlebens von gesellschaftlichen Gruppen bzw. von Staaten und Völkern geschaffen werden, die zum einen nicht ihre Existenz gefährden und zum anderen nicht das Gerechtigkeitsempfinden oder die Lebensinteressen einzelner und mehrerer von ihnen so schwerwiegend verletzen, dass diese nach Erschöpfung aller friedlichen Abhilfeverfahren glauben, Gewalt anwenden zu müssen.“

Soweit Dieter Senghaas in seiner Dankesrede nach dem Erhalt des Göttinger Friedenspreises vor einem Jahr an gleicher Stelle. Vieles, was Senghaas zum Konzept des „konstruktiven Pazifismus“ ausführte, beschreibt auch Motivationen für die Arbeit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS).

Gleichwohl würden sich nicht alle IANUS-Mitglieder in diesem Sinne als Pazifisten bezeichnen, aber der von Immanuel Kant formulierte kategorische Satz  „Es soll kein Krieg sein!“ hat programmatischen Charakter für uns: Bezeichnet er doch den Paradigmenwechsel von der „Lehre vom gerechten Krieg“, die auch als eine Kriegseindämmungslehre auftritt, zu einer konstruktiven Friedensethik. Die „allgemeine und fortdauernde Friedensstiftung“ wird zum Ziel des politischen Handelns, um den Krieg, „den Zerstörer alles Guten“ und „das größte Hindernis des Moralischen“, unmöglich zu machen. Es geht nicht mehr um die Frage, „ob der ewige Friede ein Ding oder Unding sei“, sondern um die „Pflicht“, die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedingungen beharrlich und unter aufmerksamer Beobachtung der Wirklichkeit entsprechend zu verändern.

In diesem, etwas philosophischen, Tonfall werde ich nicht weitersprechen. Ich trage einen mit IANUS abgestimmten Beitrag vor, das bedeutet auch, dass hier eine Gelegenheit zur Selbstverständigung innerhalb unserer heterogenen Gruppe - mit großer Kohäsionskraft - wahrgenommen wurde.

Das eben Gesagte ist eine wichtige Positionsbestimmung von IANUS. Jedenfalls ist sie nicht unwichtig, damit unsere Arbeit nicht nochmals in die Nähe von Waffenforschung gerückt wird, wie leider und unsinnigerweise in der letzten Ausgabe der traditionsreichen Antimilitarismus-Information geschehen.

Im folgenden möchte ich erstens erläutern, warum wir überzeugt sind, dass die Rüstungs- und Technologiedynamik genauer von der Friedensforschung in den Blick zu nehmen ist. Zweitens spreche ich etwas allgemeiner über Aufgaben der Friedens- und Konfliktforschung. Schließlich spreche ich drittens über notwendige Ansätze der Forschung, so wie wir es bei IANUS sehen. Dies geht viertens über in eine etwas spezifischere Skizze einiger Forschungsthemen, die wir bei IANUS sehr ernst nehmen. Zum Schluss möchte ich einige Bemerkungen zu unserem Platz in der Hochschule machen.

2. Rüstungs- und Technologiedynamik

Ich hatte über unsere Position, dass der Krieg als Institution der Politik zu überwinden ist, soeben gesprochen. Die Unvernunft der kriegerischen Auseinandersetzungen, die gerade im soeben zuende gegangenen Jahrhundert unermessliches Leid über eine Vielzahl von Menschen gebracht hat, ist es nicht allein, was uns bewegt: aberwitzige Gewaltpotentiale sind angehäuft und eingesetzt worden, die auf immer neuen oder verfeinerten wissenschaftlich-technischen Prinzipien basieren. Unsere Kollegen in den Forschungslabors machen erst möglich, was technisch umgesetzt, auf Waffenmärkten feilgeboten und zum Kriegseinsatz oder zu weltweiter Vernichtungsdrohung bestimmt wird. Die moderne Kriegführung ist unübersehbar verwissenschaftlicht und technisiert.

Wissenschaftlich-technische Innovation heißt auch heute noch in weiten Bereichen zuallererst militärische Neuerungsmöglichkeit - trotz Ende der fatalen Ost-West-Konfrontation. Diese führte zu einem schier unausweichlich empfundenen Rüstungswettlauf, der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierte. Ein Wettlauf, der angetrieben wurde von Spekulationen über technische Verbesserungen und der Antizipation von weitergehenden Verbesserungen oder Gegenmaßnahmen des potentiellen Gegners. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der damit verbundenen zunehmenden Auflösung der antagonistischen Rüstungspartnerschaft erscheint die Rüstungsdynamik heute keineswegs gebrochen. Ein virtueller Gegner, dem nur mit fortdauernder, immer wieder neu zu erzeugender Überlegenheit beizukommen sei oder mit dem gleichgezogen werden müsse, reicht als Begründungsmuster, das im Gewande der Rationalität daherkommt.

Hier geschieht mehr als die Erzeugung und Zurverfügungstellung modernster Gewaltmittel. Möglichkeiten politischer Macht werden irreversibel beeinflusst. Technologien, werden sie einmal beherrscht, sind nur schwerlich wieder zu verbannen, so sehr auch die Politik das Gegenteil hoffen mag. Das gefährliche Know-how geht einher mit dem Vorhandensein entsprechend ausgebildeter und sozialisierter Menschen und Experten, mit dem Aufbau spezialisierter Maschinen und Labors und den zugehörigen institutionalisierten Strukturen. Dies kann - eingebettet in politische Zusammenhänge - die Möglichkeiten gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse tiefgreifend beeinflussen. Eine Prägung gesellschaftlicher Dynamik durch das Vorhandensein und das Entwicklungspotential technischer Möglichkeiten findet statt. Dies hat Rückwirkungen auf die Lebensgrundlagen von Gesellschaften selbst.

Wir beobachten solche Tendenzen in drastischer Weise im Bereich der Rüstungsdynamik und bei militärtechnologisch geprägten Sicherheitsarchitekturen, die man sich scheut, Friedensarchitekturen zu nennen. Nicht nur die gesellschaftlichen und staatlichen Akteure sind in den Blick zu nehmen, die Gewaltpotentiale sind nicht nur die Produkte gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse, sondern eben diese technischen Artefakte prägen auch ihrerseits die gesellschaftliche Ebene, sie gehören somit - als Hybride - zugleich der naturwissenschaftlich-technischen wie der gesellschaftlichen Sphäre an.

Wer will bezweifeln, wie sehr die Existenz der Nuklearwaffen das militärische, das strategische, das außenpolitische Denken dramatisch verändert hat, wie sehr das menschliche Bewusstsein gemodelt wurde, wie sehr uns die Idee der tödlichen Abschreckungslogik vergiftet hat. Zur Zeit erleben wir, wie die verbliebene Supermacht, die innere Logik der Abschreckung zu sprengen - oder zu transgredieren - sucht, durch die Etablierung eines neuen Systems der Raketenabwehr. Zu fragen ist, ob die technologische Schlüssigkeit dieses „SDI light“ überhaupt erweislich ist. Ist der hier vorbereitete Bruch mit der alten Rüstungskontrolle nicht eine Konsequenz aus den mannigfachen Prägungen durch die nukleartechnische Logik, aus deren Gefängnis man vorgeblich ausbrechen will? Wie überzeugend ist die Schaffung eines Klimas der panischen Angst vor der latenten Macht zukünftiger Proliferatoren, die nacheilend technologisch aufholen möchten, wenn man selber auf der Fähigkeit zu weltweiter nuklearer Drohung besteht? Wie ist zu erklären, dass die Wahrnehmung des ja wirklich existenten Proliferationsproblems, also hier die Weiterverbreitung von Kernwaffen, nur weitere Verlängerungen einer technologischen Konzeption gebiert, die absolute - auch nukleare - Überlegenheit anstrebt? Es sieht so aus, als werde in einer durch Technikgläubigkeit verstellten Sicht kein anderer Ausweg gesehen. Wäre der entschiedene Versuch, die gewaltigen weltweiten Drohpotentiale reversibel zu machen, und ein radikaler Verzicht der „Habenden“ nicht weit vernünftiger und nachhaltiger?

Dies muss wohl übertragen werden auf alle Kategorien der Massenvernichtungswaffen, also auch den Bereich der Bio- und Chemie-Waffen und der immer zielgenauer werdenden Trägersysteme für Waffen. Teilweise ist hier bereits erkannt, dass die Menschheit nur durch die Verbannung dieser Systeme auf Dauer weiterkommt. Aber wie soll dies konsequent

 

Begründung der Jury - Laudatio

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