|
9. März 1999
Dieter Senghaas
“Konstruktiver Pazifismus” - eine Idee, deren Zeit gekommen ist
I
Wodurch und wie konstituiert sich Frieden? Diese elementare Frage rückte einer der führenden deutschen Pazifisten, Alfred H. Fried, in den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts in den Mittelpunkt pazifistischer Programmatik. “Ursächlicher Pazifismus” war das Stichwort: “Wer eine Folge beseitigen will, muß zunächst ihre Ursache beseitigen. Und wer eine neue wünschbare Folge anstelle einer anderen gezeitigt sehen will, muß anstelle der einen Ursache jene andere setzen, die die gewünschte Folge hervorbringen kann.” Das klingt methodisch-abstrakt, war aber ganz konkret gemeint: Wenn Krieg die Folge internationaler Anarchie ist, muß eben diese Anarchie beseitigt werden, um ihre Folge, den Krieg, zu beseitigen. Und an die Stelle von Anarchie muß eine “soziale Ordnung” treten, in deren Folge Konflikte in aller Regel verläßlich gewaltfrei bearbeitet werden, also - im politischen Sinne des Begriffes - Frieden hergestellt ist.
Die Lehre des sogenannten “ursächlichen Pazifismus” ist demnach in dem Versuch begründet, systematisch über Voraussetzungen und Bedingungen nachzudenken, die Frieden ermöglichen. In analytischer Hinsicht war somit die Lehre vom “ursächlichen Pazifismus” den heutigen Bemühungen um eine zeitgemäße Friedenstheorie vergleichbar.
“Ursächlicher Pazifismus” war in der klassischen Pazifismus-Diskussion ein gleichermaßen wissenschaftliches wie praktisches Anliegen. Zur Tragödie dieses Jahrhunderts gehört, daß diese Perspektive in den pazifistischen Strömungen an Aufmerksamkeit verlor, um schließlich zu einem Nicht-Thema zu werden. In diesem Jahrhundert der Gewaltherrschaft, der Kriege, der Genozide, der wechselseitigen Vernichtungsdrohungen im Rahmen des Abschreckungssystems wurde - durchaus verständlich und nachvollziehbar - Antimilitarismus zu einer vorherrschenden Orientierung des Pazifismus. Zurück blieb allerdings eine Lücke, ein “leeres Loch” (V. Jalusic): Denn Antimilitarismus will aggressions-, gewalt- und kriegsverursachende Strukturen und Mentalitäten abbauen. Was aber folgt auf den Abbau? Die Antwort bleibt allermeist offen. Demgegenüber geht es dem “ursächlichen Pazifismus” um den Aufbau friedensfördernder Strukturen und Mentalitäten. Deshalb könnte man “ursächlichen Pazifismus” und vergleichbare Orientierungen auch als einen auf die Konstruktion und Architektur des Friedens ausgerichteten Pazifismus, eben als “konstruktiven Pazifismus” bezeichnen.
II
Die klassische Lehre des “ursächlichen Pazifismus” beabsichtigte - so 1918 explizit von Alfred Fried formuliert - die Errichtung einer “neuen Weltordnung”. Dabei war das Ziel nicht die Beseitigung oder Lösung der Konflikte, sondern die “Umwandlung des Charakters der Konflikte”. Das meint genau das, was in der gegenwärtigen friedenstheoretischen Diskussion als “Zivilisierung des Konfliktes” bezeichnet wird.
Während jedoch in der klassischen Lehre des “ursächlichen Pazifismus” der zivilisierte Umgang mit Konflikten im jeweils innerstaatlichen Rahmen als mehr oder weniger gelungen unterstellt wurde, kann diese Prämisse heute nicht mehr als selbstverständlich angenommen werden. Denn ein Blick in die Welt zeigt, daß es derzeit kaum zwischenstaatliche Kriege gibt. Statt dessen sind zahlreiche militante innerstaatliche Konflikte, vor allem Bürgerkriege unterschiedlichster Prägung zu beobachten. Damit wird die Ermöglichung inneren Friedens - und also nicht nur die “neue Weltordnung” - erneut zu einer wichtigen analytischen und praktischen Orientierung konstruktiven Friedensdenkens.
III
Das Erfordernis, sich in der Friedensursachenforschung noch einmal mit den Bedingungen inneren Friedens auseinandersetzen zu müssen, hat mit tiefgreifenden Veränderungen zu tun, die die westliche Welt schon früher, aber die außerwestliche Welt vor allem in den vergangenen Jahrzehnten erfaßt haben. Als die Idee des “ursächlichen Pazifismus” am Ende des vergangenen und zu Beginn dieses Jahrhunderts formuliert wurde, war die Welt, auch der Großteil der heute industrialisierten Länder, noch bäuerlich organisiert. Die vergangenen hundert Jahre werden, worüber wenig gesprochen wird, in die Geschichte als das Jahrhundert der Entbäuerlichung der Welt eingehen: Heute leben die meisten Menschen nicht mehr unter Bedingungen der Selbstversorgungswirtschaft, sondern in territorialen Verkehrs-wirtschaften mit zunehmenden weltwirtschaftlichen Bezügen. Entwicklungsländer sind davon nicht ausgenommen, wenngleich weiterhin deutliche Abstufungen beispielsweise zwischen Ostasien und Schwarzafrika bestehen.
Im Unterschied zu bäuerlichen Gemeinschaften im traditional-dörflichen Rahmen hat dieses neue Umfeld für die Menschen eine ungeheure Horizont- und Handlungserweiterung zur Folge. Die mit dem Strukturwandel einhergehende Verstädterung verdichtet überdies die Kommunikation und macht zum erstenmal in der Weltgeschichte die Masse der Menschen politisch organisationsfähig. Eine gleichzeitig stattfindende Alphabetisierung auf Massenbasis führt zudem zu einer breitenwirksamen Mobilisierung von Intelligenz, also zu geistiger Emanzipation und einer Fertigkeitsrevolution: Das Kompetenzniveau von Menschen steigt dramatisch. Es findet eine Konversion statt: “von der Ignoranz zum Bewußtsein, zum Anschluß an die Welt”, wie jüngst eine in der Unterschicht der indischen Gesellschaft arbeitende Nonne treffend formulierte. Darin ist, im Unterschied zur traditionalen Gesellschaft, die Chance zur sozialen Aufwärtsmobilität angelegt. Über sich weltweit ausbreitende Medien werden überdies Lebenserwartungen und Lebensstile vergleichbar. Möglicherweise ist die Globalisierung solcher Demonstrationseffekte heute sogar wirkungsmächtiger als die bloße Globalisierung der Ökonomien.
So werden aus traditionalen Gesellschaften politisierbare und faktisch politisierte Gesellschaften. In ihnen werden überkommene Identitäten fragwürdig. Die “Wahrheiten” lassen sich nicht mehr zweifelsfrei definieren. Gerechtigkeitsvorstellungen vervielfältigen sich, ebenso wie die Interessen. Was eine “gute Gesellschaft” ist, wird angesichts der Pluralität von ordnungspolitischen Vorstellungen zum Problem. Die “tranquillitas ordinis”, die “Ruhe der Ordnung”, über die im Umfeld traditionaler Gesellschaft einst Augustinus schrieb, ist nicht mehr dingfest zu machen. Es entstehen, von ihrer Struktur her gesehen, konfliktträchtige, gegebenenfalls gewaltträchtige soziale Gebilde, die - wenn sie nicht durch Diktatur oder Despotie dazu gezwungen werden - nicht mehr auf einen Nenner zu bringen sind. Jedoch unter den dargelegten Bedingungen sind auch Diktaturen und Despotien über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt: Denn die Pluralität ist nicht überwindbar; die Politisierung von Identitäten, Wahrheiten, Gerechtigkeitsvorstellungen und Interessen ist unumkehrbar. Aus all dem folgt inzwischen die in jeder Ecke der Welt vernehmbare Forderung nach politischer Teilhabe.
Wenn gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Auseinandersetzungen sich als politische und politische Auseinandersetzungen sich als gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle darstellen - und dies auf Massenbasis -, liegt Fundamentalpolitisierung vor. Damit stellt sich, am Ende dieses Jahrhunderts in vielen Gesellschaften zugespitzt, die Frage nach Koexistenz trotz Fundamentalpolitisierung. Die Alternative zur Koexistenz ist - im Extremfall - der Bürgerkrieg, wie die tagespolitische Anschauung es uns täglich erneut lehrt.
IV
Wie aber entgeht man dem Bürgerkrieg? Der eben gekennzeichnete tiefgreifende Umbau der Welt fand zunächst als Folge von Agrar- und industrieller Revolution seit der Mitte des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert im westlichen Teil Europas statt. Daher wurde hier die eben umrissene Problematik - Koexistenz trotz Fundamentalpolitisierung - am frühesten akut, und hier lassen sich auch am ehesten einige Ergebnisse der Auseinandersetzung mit dieser Problematik beobachten.
Vor allem sechs Bedingungen einer zivilisierten, d.h. nachhaltig gewaltfreien Bearbeitung von unvermeidlichen Konflikten müssen hervorgehoben werden:
Da ist zunächst einmal das legitime Monopol staatlicher Gewalt, d.h. die Sicherung der Rechtsgemeinschaft, zu nennen, was für jede moderne Friedensordnung von grundlegender Bedeutung ist: Nur eine “Entwaffnung der Bürger” nötigt diese dazu, ihre Identitäts- und Interessenkonflikte mit Argumenten und nicht mit Gewalt auszutragen. Die Bedeutung des Sachverhalts wird dort erkennbar, wo das Gewaltmonopol zusammenbricht und es zu einer Wiederbewaffnung der Bürger kommt, also das Faustrecht, das Fehdewesen und die Kriegsherren wieder auferstehen, so wie das heute in den militanten Konfliktherden der Welt beobachtbar ist.
Das Gewaltmonopol bedarf aber, zweitens, der rechtsstaatlichen Kontrolle. Ohne solche Kontrolle, die der Inbegriff des modernen Verfassungsstaates ist, wäre ein Gewaltmonopol nichts anderes als herrschaftliche Willkür, also die zufällige Vorherrschaft einer der Bürgerkriegsparteien. Rechtsstaatlichkeit legt die Spielregeln des politischen Meinungs- und Willensbildungsprozesses und der Entscheidungsfindung, auch der Rechtsdurchsetzung fest. Neben allgemeinen Prinzipien, wie sie in Grundrechtskatalogen niedergelegt sind, sind diese Spielregeln von grundlegender Bedeutung, gerade weil man sich in politisierten Gesellschaften hinsichtlich substantieller Streitfragen meist nicht einig ist.
Die dritte wesentliche Bedingung für inneren Frieden besteht in Affektkontrolle, die aus mannigfaltigen Interdependenzen erwächst: Moderne Gesellschaften sind vielgliedrig ausdifferenziert; die Menschen sind in ihnen vielfältige “Rollenspieler” mit aufgefächerten Loyalitäten. Vielfältige Rollenanforderungen, das lehren Konflikttheorie und Alltagserfahrungen, führen zur Konfliktfraktionierung und zu einer Mäßigung des Konfliktverhaltens, zu einer Zähmung der Affekte, weil ohne letztere in komplexen Umwelten ein Zusammenleben gar nicht denkbar wäre.
Andererseits ist aber gerade angesichts von unerläßlicher Affektkontrolle, viertens, demokratische Teilhabe erforderlich. Denn dort, wo Menschen sich nicht in öffentliches Geschehen einmischen können, sei es aus Gründen rechtlicher oder sonstiger Diskriminierung, entsteht “Rechtsunruhe” (S. Freud), schlimmstenfalls ein Konfliktstau, der in politisierbaren Gesellschaften zur Produktionsstätte von Gewalt werden kann. Demokratie als die Grundlage von Rechtsfortbildung ist also kein Luxus, sondern eine notwendige Voraussetzung für friedliche Konfliktbearbeitung.
Jedoch ist, fünftens, solche Konfliktbearbeitung in politisierten Gesellschaften nur von Dauer, wenn es anhaltende Bemühungen um soziale Gerechtigkeit gibt. Moderne Gesellschaften sind überwiegend marktwirtschaftlich organisiert; systembedingt produzieren Markt-wirtschaften Ungleichheit. Wenn dieser Dynamik zur Ungleichheit nicht ständig entgegengewirkt wird, entwickeln sich in den Gesellschaften brisante soziale Zerklüftungen. Gibt es keine anhaltenden Bemühungen um Verteilungsgerechtigkeit, wird von den Benachteiligten die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates in Frage gestellt, weil seine Spielregeln nicht mehr als fair empfunden werden. Demgegenüber führen ernsthafte Bemühungen um soziale Gerechtigkeit und Fairneß einer konstruktiven Konfliktbearbeitung materielle Substanz zu; sie unterfüttern öffentliche Institutionen mit Legitimität.
Gibt es im öffentlichen Raum faire Chancen zur Artikulation von Identitäten und den Ausgleich von unterschiedlichen Interessen, kann unterstellt werden, daß ein solches Arrangement der Konfliktbearbeitung verläßlich verinnerlicht wird und also kompromißorientierte Konfliktfähigkeit einschließlich der hierfür erforderlichen Toleranz zu einem selbstverständlichen Maßstab politischen Handelns wird. Das Gewaltmonopol, die Rechtsstaatlichkeit und die Demokratie - kurz: der demokratische Verfassungsstaat - verankern sich in der politischen Kultur. Die Kultur konstruktiver Konfliktbearbeitung wird darüber zur emotionalen Grundlage des Gemeinwesens. Die materiellen Leistungen (“soziale Gerechtigkeit”) erweisen sich dabei als eine wichtige Brücke zwischen dem Institutionengefüge und dessen positiver emotionaler Absicherung (“Bürgergesinnung”). Es entstehen, um einen Begriff Ralf Dahrendorfs zu benutzen, entsprechende “Ligaturen”, also politisch-kulturelle Bindekräfte bzw. sozio-kulturelle Tiefenbindungen.
V
Die politische Kultur konstruktiver Konfliktbearbeitung steht nicht am Anfang der Herausbildung moderner Koexistenz. Sie ist vielmehr ein spätes Produkt im historischen Prozeß. Und sie war, nicht anders als die anderen fünf Komponenten, nicht in traditionaler alteuropäischer Kultur vorgezeichnet. Im Gegenteil: Die Herausbildung jeder einzelnen Komponente läßt sich viel eher als ein Vorgang wider Willen interpretieren. Denn historisch betrachtet war Entwaffnung in aller Regel das Ergebnis von Sieg und Niederlage in Ausscheidungskämpfen: Der Stärkere siegte über den Schwächeren, eine übergeordnete Instanz über die untergeordnete. Rechtsstaatlichkeit hatte ihren Ursprung in historisch umkämpften und den Konfliktparteien abgetrotzten Kompromißregelungen, die natürlich nicht geliebt waren, sondern in brüchigen Machtlagen zunächst als Konzession auf Zeit begriffen wurden. Was die Affektkontrolle betrifft: Selbstbestimmtes Leben in konkret-überschaubaren und kleinräumigen Zusammenhängen wurde allemal einer Eingliederung in eigendynamische, wie man heute sagt: selbstreferentielle Funktionssysteme vorgezogen. Spätestens seit Freud weiß man, daß die Affektkontrolle durch die Imperative des Realitätsprinzips und nicht des Lustprinzips bestimmt wird, also ohne ein erhebliches Maß an Versagung nicht zustande kommt. Deshalb das bleibende “Unbehagen in der Kultur”.
Auch fand der Kampf um die Erweiterung von Partizipation immer gegen harte Abwehrfronten statt; ebenso in einer Welt der systembedingten Ungleichheit die Auseinandersetzung um Verteilungsgerechtigkeit und Fairneß: Politische Teilhabe und Verteilungsgerechtigkeit mußten den jeweiligen Status quo-Mächten abgerungen werden. Und schließlich kam eine Kultur konstruktiver Konfliktbearbeitung nur unter den glücklichen Umständen zustande, insofern die vorgenannten Bausteine von Zivilität je einzeln geschichtsmächtige Wirklichkeit wurden, sich überdies wechselseitig verstärkten, um sich auch schließlich emotional zu verankern. Nur unter solchen extrem voraussetzungsvollen Bedingungen wurde eine Zivilisierung des Konfliktes und damit der prinzipiell gewaltfreie Austrag von Konflikten in einem Umfeld der Fundamentalpolitisierung wahrscheinlich.
Der Vorgang selbst ist also nur als das historische Ergebnis vieler Konflikte begreifbar. Entstanden ist ein Konstrukt der Konflikt-bearbeitung, das verfassungsmäßige, institutionelle und materielle Dimensionen hat, aber auch von spezifischen Mentalitäten geprägt ist und insgesamt - man muß es nachdrücklich betonen - ein zivilisatorisches Kunstprodukt darstellt und damit brüchig und rückfallgefährdet bleibt:
Denn plausibel läßt sich argumentieren, daß die Sachverhalte, die in emanzipierten Massengesellschaften Fundamentalpolitisierung kennzeichnen, wie beispielsweise der Absolutheitsanspruch, die Fixierung auf das Partikularinteresse, die Betonung besonderer Identität, der Besitzindividualismus, lobbyistische Antriebe usf. naheliegend, gewissermaßen “natürlich” sind, während demgegenüber Toleranz, Sensibilität für Spielregeln, Mäßigung, Gewaltenteilung, Kompromißbereitschaft, der Sinn für mehr als das eigene Interesse eher “künstlich”, also das Ergebnis von mühsamen kollektiven Lernprozessen sind. Alle diese breitenwirksamen zivilisatorischen Errungenschaften wurden gerade auch in Europa gegen die eigene alteuropäische, ständegesellschaftlich geprägte Tradition und gegen die im 19. Jahrhundert entstehende moderne Klassengesellschaft erkämpft und nur im Widerstreit mit ihnen erreicht. So ist der demokratische Verfassungsstaat der Gegenwart nicht das Ergebnis kulturgenetischer Vorprägungen. Vielmehr ist er Ausdruck einer Reihe von Innovationen und im Rahmen einer zweieinhalbtausendjährigen europäischen Geschichte erst das Ergebnis allerjüngster Entwicklung.
VI
Was Europa mühsam und qualvoll, in Versuch und Irrtum, auf Wegen, Umwegen und auch Abwegen lernen mußte - Toleranz als Lösung angesichts einer zunächst als Bedrohung empfundenen Pluralisierung -, wird sich als Vorgang in anderen Teilen der Welt, wenn nicht im Detail, so doch prinzipiell wiederholen: Angesichts um sich greifender Fundamentalpolitisierung in der Folge des dargelegten Umbaus der Welt ist die Bewältigung der Koexistenzproblematik auch dort immer weniger aufschiebbar. Jedoch, so wenig wie einst in Alt-Europa, so wenig ist diese moderne Problematik in der herkömmlichen Kultur der außereuropäischen Kulturbereiche vorgesehen. Auch deren Selbstverständnis war im großen und ganzen “kosmozentrisch” orientiert: In ihm wurden der Kosmos, die Gesellschaft und die Menschen als eine Einheit begriffen. Diese wurde als eine wohlgeordnete und wohlgefügte Hierarchie vorgestellt. Ihre Architektur war statisch gedacht. Unvorstellbar war im großen und ganzen, wie auch einst in Alt-Europa, die Idee einer Pluralität von “Wahrheiten” als ein sozialer Tatbestand.
Unter solchen Prämissen werden Konflikte als Störfaktoren begriffen, als die “große Unruhe unter dem Himmel”, als Ausgangspunkt eines schon bestehenden oder eines drohenden Chaos. Entgegenwirkendes Denken begreift sich dann als Beitrag zur Bewältigung eben dieses Chaos, als Chaosbewältigungsstrategie, die darauf gerichtet ist, “kosmische Ordnung” wiederherzustellen.
Für die Erfordernisse einer Bewältigung der modernen Koexistenzproblematik sind solche Vorstellungen nicht mehr hilfreich. Deshalb werden aus dem Zwang der Verhältnisse auch in der übrigen Welt neue zeitgemäße Perspektiven der Konfliktbearbeitung und damit neue zeitgemäße Formeln und Formen des inneren Friedens erwachsen müssen.
Im Unterschied zur westlichen Entwicklung werden die kollektiven Lernprozesse in der außereuropäischen Welt jedoch nicht nur von den jeweiligen sozialen und kulturellen Umbrüchen vor Ort bestimmt; sie werden auch von den vorgängigen Erfahrungen innerhalb des Westens mitbestimmt. Dabei sind in der außereuropäischen Welt vier Reaktionsweisen besonders markant:
Modernistisch-imitativ ist eine Reaktion, die die Herausforderung des Westens sowie dessen Erfahrungen und “Lösungsangebote” annimmt, diesen also als Vorbild begreift und gegen die Last der eigenen Tradition, einschließlich der eigenen traditionellen Kultur ankämpft. In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gab es solche Orientierungen vielerorts, auch in China; sie wurden seinerzeit nicht geschichtsmächtig. Heute sind sie jedoch in zwei der vier Schwellenländer Ostasiens, Korea und Taiwan, von durchschlagendem Erfolg. Hier entstehen aus jungen Industrieländern “newly democratizing countries”, deren politische Kultur sich bei aller lokalen Einfärbung in absehbarer Zeit kaum von derjenigen westlicher Länder unterscheiden wird.
Wo Modernisierungsumbrüche stattfinden und die Koexistenz-problematik virulent wird, da treten auch die Bewahrer in unterschiedlichen Ausrichtungen auf den Plan: die Traditionalisten, auch die Reaktionäre, im allgemeinen aber die Konservativen. Ihnen geht es darum, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, auf jeden Fall aber den Veränderungen Einhalt zu gebieten. Dieser Typ von Reaktion läßt sich überall auf der Welt beobachten, wo westliche Moderne und Traditionales aufeinandertreffen. Gandhi könnte hier beispielhaft zitiert werden, denn seine Lebensphilosophie war dörflich, antikommerziell und egalitär ausgerichtet. Sie sah kleine Einheiten vor und deshalb favorisierte sie eine auf Konsens ausgerichtete direkte Demokratie im überschaubaren Raum. Heute finden sich vergleichbare Vorstellungen vor allem noch in Schwarz-Afrika.
Wo Umbrüche stattfinden, da machen sich auch halbierte Modernisten bemerkbar. Sie stürzen sich auf westliches Know how, wollen aber alle übrigen geistigen Einflüsse fernhalten. Japan verfolgte seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit Erfolg ein solches Projekt. Der Realsozialismus in diesem Jahrhundert blieb ohne Erfolg. Die sogenannte “Singapur-Schule” ist jüngst für eine solche Orientierung der halbierten Moderne prominent geworden, auch der islamistische Fundamentalismus. Jedoch, die politischen Probleme einer komplexer werdenden, sich pluralisierenden Gesellschaft - sei es in Singapur, in China, im weiten Bereich islamischer Gesellschaften oder andernorts - werden mit Hilfe eines solchen ordnungspolitischen Programms nicht gelöst, nicht einmal einer Lösung nähergebracht, am wenigsten dort, wo man versucht, mit theokratischen Rezepten, z.B. islamistischer Provenienz, zu Werke zu gehen. In letzteren Bestrebungen dokumentieren sich Parallelitäten, aber auch die Vergeblichkeit der “theokratischen Konterrevolution” gegen die Moderne, wie sie auch in Europa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Reaktion auf Aufklärung und die französische Revolution zu beobachten war. Pluralismus galt seinerzeit und gilt heute in dieser politischen Programmatik als eine sittenwidrige und gemeinschaftsstörende Idee, als Ausdruck von Werte- und Kulturverfall, als Inbegriff von moralischer Blindheit (“jahiliyya”). Uneingeschränkte, religiös motivierte Herrschaftsausübung wird dagegen als moralisch geboten und zeitgemäß begriffen.
Jedoch: Letztlich werden auch in der außereuropäischen Welt, wenn Moderne und Tradition sich begegnen und Umbrüche zustande kommen, Innovationen erforderlich sein. So wenig wie sie in Europa vorhersagbar waren, so wenig lassen sie sich im außereuropäischen Bereich prognostizieren. Dabei wird sich die innereuropäische Erfahrung wiederholen: Sobald traditionale Kultur mit Modernisierungsschüben konfrontiert wird, Gesellschaften also einen strukturellen und folglich mentalen Umbruch durchlaufen, geraten eben diese Kulturen mit unerbittlicher Zwangsläufigkeit mit sich selbst in Konflikt. Daraus gehen die erforderlichen kollektiven Lernprozesse hervor - oder auch problematische Fehlentwicklungen.
Daß sich die Innovationen der Moderne hinsichtlich der Bewältigung der Koexistenzproblematik völlig erschöpft haben - auf dieser Annahme beruhte die These vom “Ende der Geschichte” -, ist nicht anzunehmen. Im Gegenteil: Vier Fünftel der Menschheit werden in den kommenden Jahrzehnten damit experimentieren müssen, auf die Probleme sozialer Mobilisierung und von Fundamentalpolitisierung erneut und jeweils vor Ort angemessene Antworten zu finden. Es ist unwahrscheinlich, daß die Antworten, die sich schließlich und endlich bewähren werden, abstrakt am Reißbrett erfunden werden. Was sich schließlich als tragfähige Arrangements der Koexistenz, also des inneren Friedens, bewährt, wird als nicht beabsichtigte Folge politischer Konflikte entstanden sein. Und die Innovationen werden auch hier nicht die Tiefendimension herkömmlicher Kultur widerspiegeln, sondern Neues - wider die eigene Tradition. Natürlich ist der Weg dahin voller Konvulsionen, wie wir derzeit vielerorts in der Welt beobachten (China, Iran usf).
Pluralisierung als wahrgenommene Bedrohung, eine institutionell abgesicherte und emotional verankerte Toleranz als Lösung: Das ist, weltweit betrachtet, eine der großen Herausforderungen für die Menschheit im 21. Jahrhundert, nicht weniger gewichtig als die sich akzentuierenden weltweiten Umweltprobleme. Ein Rückblick auf das zu Ende gehende Jahrhundert verdeutlicht die Brisanz der Problematik. In ihm wurden “Alternativen” zur Toleranz auf barbarisch-grauenvolle Weise vielfach durchexerziert: Ausgrenzung, Ghettoisierung, Apartheid, Vertreibung, “ethnische Säuberung”, Völkermord, Bürgerkriege in vielen Varianten, Weltkriege und viele Varianten von Diktatur und Despotie sind zum Inbegriff einer allermeist macchiavellistisch inszenierten, d.h. strategisch kalkulierten Politik der Intoleranz geworden.
Anders als im “ursächlichen Pazifismus” zu Beginn dieses Jahrhunderts gedacht, bleibt damit angesichts der Unumkehrbarkeit von Pluralisierung die Suche nach den Bedingungen von Koexistenz innerhalb von Gesellschaften ganz oben auf der Tagesordnung: Innerer Frieden ist also nicht ein Problem am Rande, sondern zu einem virulenten und existentiellen Kernproblem geworden - weltweit betrachtet mehr als je zuvor: Denn noch im letzten Winkel der Welt brechen in der Folge von geistiger Emanzipation und zunehmenden Handlungsmöglichkeiten die Selbstverständlichkeiten überkommener Ordnungen weg, weshalb Orientierungskonflikte in der Mischung von Machtauseinandersetzung und Kulturkampf unvermeidlich sind. Unvermeidlich wird dann aber auch die Suche nach neuen Formen des friedlichen Zusammenlebens, der Koexistenz im öffentlichen Raum. Deshalb ist Dolf Sternberger zuzustimmen, der einmal formulierte, daß angesichts der Vielheit in ihren Kontrasten und Kollisionen der Friede die politische Kategorie schlechthin sei.
VII
In den vergangenen 20 Jahren ist “Nachhaltigkeit” als zivilisatorische Leitperspektive allmählich in das öffentliche Bewußtsein gelangt: also die Vorstellung eines pfleglichen Umgangs mit der Natur, eines “nachhaltigen Wirtschaftens” oder einer nachhaltigen Entwicklung. Solche nachhaltige Entwicklung in Industrie- und Entwicklungsländern ist erforderlich, um einzelne Gesellschaften und die Menschheit insgesamt, um einen Begriff von Hans Peter Dürr aufzugreifen, zukunftsfähig zu machen. Jedoch, zu solcher Zukunftsfähigkeit gehört ganz wesentlich, daß Gesellschaften und die Menschheit in den konkreten Auseinandersetzungen mit allermeist unvermeidlichen Konflikten lernen, diese konstruktiv zu bearbeiten. Wo dies anhaltend gelingt, könnte man von einer dauerhaften bzw. nachhaltigen Zivilisierung des Konfliktes sprechen. In einem solchen Konzept wäre dann das Vermächtnis des “ursächlichen” oder “konstruktiven Pazifismus” vom Beginn dieses Jahrhunderts aufgehoben.
Worum es also geht, ist: nach schrecklichen Jahrzehnten eine Idee vom Anfang dieses Jahrhunderts in das neue Jahrhundert hinüberzuretten; weiterhin: diese Idee, deren Zeit gekommen ist, zu beleben, sie in der Friedensforschung als Friedensforschung ernst zu nehmen und sie auch in der Friedensarbeit wiederzuentdecken - und überhaupt: sie in Theorie und Praxis konstruktiv weiterzuentwickeln. |