|
Festveranstaltung zur Verleihung des Göttinger Friedenspreises
der Stiftung Dr. Roland Röhl
Aula der Universität Göttingen, Dienstag, den 9. März 1999
Laudatio auf Dieter Senghaas
Erster Preisträger
Hans-Peter Dürr
Werte Festversammlung,
Meine verehrten Damen, meine Herren,
Der Göttinger Friedenspreis soll nach dem letzten Willen seines Stifters, dem renommierten Wissenschaftsjournalisten, unserem lieben Freund und langjährigen engagierten Mitstreiter für eine friedlichere Welt Dr. Roland Röhl jährlich an Personen oder Personengruppen vergeben werden, die sich durch grundlegende wissenschaftliche Arbeit oder durch herausragenden praktischen Einsatz um den Frieden besonders verdient gemacht haben.
Auch nach dem gewaltlosen Ende des gefährlich eskalierten Ost-West-Konflikts vor nun fast zehn Jahren haben sich leider die Aussichten für eine friedlichere Welt, die viele erhofft hatten, nicht wesentlich verbessert. Die Welt befindet sich in einer rasanten Entwicklung, die mehr einer Destabilisierung, einer Verschärfung von Gegensätzen, als einer Konsolidierung, einem Prozeß des Ausgleichs und größerer Gerechtigkeit gleicht, die wesentliche Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben sind. Die immer noch weiter wachsende und sich zusammenballende Zerstörungsgewalt in den Händen der Menschen lauert bedrohlich im Hintergrund, um in Konfliktsituationen, die man ungeduldig nicht mehr mit Verständigung und Überzeugung glaubt klären zu können, letztlich für eine gewaltsame Lösung eingesetzt zu werden. Wer einen modernen Krieg im vollen Bewußtsein miterlebt hat, weiß, daß ein Krieg heute nicht mehr einfach, wie nach Clausewitz, als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachtet werden kann. Dazu sind die Zerstörungswirkungen der modernen Waffen zu groß und undifferenziert: Wir laufen Gefahr alles zu vernichten, was wir zu verteidigen und bewahren versuchen. Die Forderung nach einer Ächtung des Krieges hat deshalb nur noch wenig mit dem Pazifismus der Vergangenheit zu tun, der sich prinzipiell gegen jegliche Gewalt wendet, sondern wird schlicht zu einem Gebot der Vernunft, das auch ganz pragmatisch artikuliert werden kann: Die gewaltsamen Konfliktlösungsstrategien treffen in immer erhöhten Maße die Falschen: Unschuldige, Unbeteiligte, vielfach unmündige oder irregeführte Opfer, und nicht die eigentlich Schuldigen: die Verursacher der Konflikte, Machtbesessene und Menschenverächter, die durch Eskalation von Ungleichgewichten (militärischer, wirtschaftlicher, kultureller Art) ihre Macht zu steigern versuchen. Bosnien, Kosovo, Irak liefern uns heute dafür eindrückliche Beispiele.
Die Menschen in ihrer großen Gesamtheit wollen keinen Krieg, aber viele glauben noch, daß Krieg letztlich zur Konfliktlösung als ultima ratio zulässig bleiben muß. Macht diese Haltung wirklich Sinn, wenn, selbst bei erfolgreichster Kriegführung, der Konflikt nicht vermindert, sondern durch den verständlichen Haß der unschuldig Beschädigten, verschärft in die Zukunft verlagert wird. Andererseits ist offensichtlich, daß Kriege erst dann vermieden werden können, wenn irgendwelche anderen, wirklich effektiven Methoden für eine Konfliktlösung zur Verfügung stehen. Es ist naiv anzunehmen, daß auf dem Hintergrund einer Jahrtausende währenden, mit vielen positiven und negativen Erfahrungen gespickten Kriegsgeschichte, uns neuartige, gewaltfreie Konfliktlösungen zu unserer vollen Zufriedenheit gewissermaßen aus dem Stegreif gelingen könnten. Dies erfordert vielmehr den vollen Einsatz der besten Köpfen und der stärksten Herzen gepaart mit einer unermüdlich lernenden Geduld. Mit der dezidierten Förderung der Konflikt- und Friedensforschung setzt die Dr-Roland-Röhl-Stiftung hier am richtigen Punkt an.Verbesserte Fähigkeiten zu einer gewaltfreien Konfliktbearbeitung wird uns nicht nur erlauben, die Beziehungen der Menschen und ihrer verschiedenen Kulturen von einem wettbewerbsorientierten Gegeneinander in ein für alle gewinnbringendes synergetisches Miteinander zu verwandeln, sondern dazu auch die Kooperation mit der natürlichen Mitwelt zu suchen, die erst eine Zukunftsfähigkeit des Menschen ermöglicht.
Meine Damen und Herren,
ich freue mich, Ihnen heute als ersten Preisträger des Göttinger Friedenspreises der Dr-Roland-Röhl-Stiftung Herrn Dieter Senghaas vorstellen zu können. Es gibt wohl kaum einen anderen Wissenschaftler in Deutschland, wie Dieter Senghaas, der so lange und so eng mit der Friedens- und Konfliktforschung in Forschung und Lehre verknüpft ist.
Dieter Senghaas wurde 1940 in Geislingen/Steige geboren. Er studierte Politikwissenschaften, Soziologie, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Tübingen, Amherst (Mass.), Ann Arbor (Mich.) und vor allem Frankfurt, wo er 1963-1968 zunächst als wissenschaftliche Hilfskraft, später als Wissenschaftlicher Assistent bei Iring Fetscher arbeitete und 1967 mit einer Arbeit über “Kritik der Abschreckung - Ein Beitrag zu einer Theorie der internationalen Politik” promovierte. Nach einem zweijährigen Forschungsaufenthalt 1968-1970 am Center for International Affairs an der Harvard University in Cambridge (Mass.) bei Karl Deutsch übernahm er 1970-1978 die Leitung einer Forschungsgruppe in der von ihm mitbegründeten Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und wurde 1972 als Professor für Internationale Beziehung an die Universität Frankfurt berufen. Im Jahre 1978 erhielt Senghaas einen Ruf als Professor für Internationale Politik und Internationale Gesellschaft, mit Schwerpunkten in der Friedens-, Konflikt- und Entwicklungsforschung, an die Universität Bremen, wo er auch heute noch tätig ist. Seit 1986 war er mehrfach Forschungsprofessor in der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen bei München.
Dieter Senghaas war und ist z.Tl. noch heute im Vorstand von wichtigen nationalen und internationalen Selbstverwaltungs- und Forschungsförderungsorganisationen der Wissenschaft, wie: der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK), dem Executiv Committee der International Peace Research Association (IPRA) und des Stiftungsrates der Berghof-Stiftung für Konfliktforschung. Darüber hinaus ist er Mitglied von vielen wissenschaftlichen Vereinigungen, von Wissenschaftlichen Beiräten einer Reihe von Zeitschriften und Mitherausgeber der Zeitschrift für Sozialwissenschaft Leviathan.
Das Hauptinteresse von Dieter Senghaas zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn in den frühen sechziger Jahren war auf eine systematische Analyse internationaler Politik und internationaler Beziehungen gerichtet, die in Deutschland damals noch kaum entwickelt war. Entscheidende Anregungen erhielt er bei einem Studienaufenthalt 1962/63 in Amherst (Mass.), wo er beim Studium der Militärstrategie auch auf die seit den fünfziger Jahren in den USA entstandenen Forschungsgebiete ‘peace research’ und ‘conflict resolution’ stieß, die wesentlich für seine künftige wissenschaftliche Arbeit nach seiner Rückkehr nach Deutschland werden sollten. Es führte ihn zu einer Kritik der Abschreckungsstrategie und dem Konzept der “organisierten Friedlosigkeit”, welche seinen schriftlichen Niederschlag in seiner Doktorarbeit 1967 und 1969 in seinem weltweit bekannt gewordenen Erstlingswerk “ Abschreckung und Frieden - Studien zur Kritik organisierter Friedlosigkeit” gefunden hat. Interessant war in diesem Zusammenhang sein Hinweis auf eine autistische Struktur des militärisch-industriellen-wissenschaftlichen-bürokratischen Komplexes, die wesentlich für die eskalierende Rüstungsdynamik sein sollte. Die Überlegungen zur Rüstungsdynamik führten ihn auf die viel allgemeinere Fragestellung der Kriegsursachen und zu seiner breit angelegten kritischen Friedensforschung, wie sie etwa in seinem Buch 1974 “Gewalt-Konflikt-Frieden” niedergelgt wurde. Es war für ihn naheliegend an dieser Stelle, wie in seinem 1988 publizierten Buch “Konfliktformationen im internationalen System”, seine Ost-West-Betrachtungen auf Nord-Süd-Konfliktsituationen auszudehnen, über die er schon 1977, angeregt durch frühere Studien in Amherst am südamerikanischen Beispiel, in einem Buch “Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik - Plädoyer für Dissoziation” geschrieben hatte. In seinen beiden Sammelbänden “Imperialismus und strukturelle Gewalt” 1972 und “Peripherer Kapitalismus. Analysen über Abhängigkeit und Unterentwicklung" 1974 hat Senghaas die in diesem Kontext geführte internationale Diskussion über “Dependenz” und “peripheren Kapitalismus” zusammenzufassen versucht.
Nach dem Ende des Ost-Westkonflikts rücken bei Senghaas, nach einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit seiner bisherigen Arbeit in der grundlegend veränderten außenpolitischen Situation, die Frage nach einem europäischen Friedensplan, veröffentlicht in zwei Büchern: 1990 “Europa 2000” und 1992 “Friedensprojekt Europa”, in den Vordergrund. Auch wendet er sich wieder verstärkt der Nord-Süd-Problematik zu und hier vor allem ihren wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Aspekten sowie den damit zusammenhängenden Fragen der Entwicklung der “Dritten Welt”, insbesondere im Vergleich zu entsprechenden Entwicklungen in Europa in ihrer Frühphase des 18. und 19. Jahrhunderts und in den heute noch autozentrierten Ökonomien (“Wohin driftet die Welt? - Über die Zukunft friedlicher Koexistenz” 1994). In seinem letzten Buch “Zivilisierung wider Willen - Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst” 1998 wird die Fragestellung nochmals auf die kulturelle Dimension erweitert und die Zukunftsfähigkeit tradierter Kulturen unter den modernen Bedingungen erörtert.
Zusammenfassend stellen wir fest, daß Dieter Senghaas in seiner über 30-jährigen wissenschaftlichen Arbeit die wesentlichen Konfliktpotentiale der heutigen Gesellschaft thematisch aufgegriffen und kritisch hinterfragt hat. Da er sie alle in einem historischen Kontext sieht, ergeben sich aus seinen Betrachtungen wichtige Hinweise für mögliche gewaltfreie Konfliktbearbeitungen. In seinem “zivilisatorischen Hexagon” führt er sechs Voraussetzungen an, die erfüllt sein müssen, daß die menschliche Gesellschaft auf ein friedliches Zusammenleben hoffen kann. Um solche “Bausteine des Zivilisierungsprojektes Frieden” zu realisieren bedarf es jedoch großer gemeinsamer Anstrengungen der Weltgemeinschaft. In zwei Suhrkamp Taschenbüchern 1995 “Den Frieden denken - si vis pacem, para pacem” und 1997 “Frieden machen”, hat er Aufsätze zu diesem Thema zusammengestellt.
Wir sind Dieter Senghaas zu großen Dank verpflichtet, daß er mit seinem großen wissenschaftlichen Engagement wichtige und wesentliche Einstiege für Möglichkeiten einer umfassenden gewaltfreien Konfliktbearbeitung aufgezeigt hat. Wir sehen in Dieter Senghaas einen würdigen ersten Preisträger für den Göttinger Friedenspreis. Ich möchte Ihnen, Herr Dieter Senghaas, dafür ganz herzlich gratulieren.
Die Zukunftsfähigkeit des homo sapiens sapiens, meine Damen und Herren, wird entscheidend vom Erfolg einer gewaltfreien Konfliktbearbeitung abhängen. Dieses Ziel muß deshalb höchste Priorität in unserer Politik erhalten. Dieter Senghaas wird uns in der Verfolgung dieses Ziels ein wichtiger Lehrmeister und Ratgeber sein und bleiben. Sollten wir nicht daran denken, unser Ministerium der Verteidigung, von seinem ursprünglichen Namen als Kriegsministerium noch ein zweites Mal inhaltlich umzuorientieren und es “Ministerium für Konfliktbearbeitung” nennen und unseren jungen Leuten die Möglichkeit eröffnen, neben dem bisherigen Wehrdienst künftig auch einen “Mediationsdienst”, eine Ausbildung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung, wählen zu können? Unsere unfriedliche Welt braucht dringend ein deutliches Signal für eine gemeinsame “Kultur des Friedens”. |